Fragen und AntwortenProf. Dr. Rudi Balling

Wie sind Sie zur Infektionsforschung gekommen? Was fasziniert Sie an dem Fachgebiet?
Im Jahr 2000 hat man mich gefragt, ob ich wissenschaftlicher Leiter der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig werden wollte. Das Institut genoss in der Biotechnologie einen hervorragenden Ruf, es hatte sich aber verzettelt. Ich musste eine neue Vision entwickeln, die weit in die Zukunft reichte. Dass ich mich für die Infektionsforschung entschied, hatte drei Gründe:
Erstens arbeitete die Mehrzahl der Mitarbeiter in dem Institut ohnehin bereits mit Mikroorganismen (wenn auch aus anderen Gründen).
Zweitens faszinierte mich die Komplexität der Infektionskrankheiten. Zwei Genome und eine Vielzahl von Umwelteinflüssen, die alle untereinander in Wechselbeziehung stehen - was will man mehr, wenn man nach der größtmöglichen wissenschaftlichen Herausforderung sucht?
Und drittens wurde mir klar, dass das Thema für die Medizin sehr wichtig ist und dass unser Institut dazu bedeutende Beiträge leisten kann.
Im Jahr 2007 gaben wir dem Institut den neuen Namen "Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (HZI)".
Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Wir suchen nach neuen Strategien zur Vorbeugung und Behandlung von Infektionskrankheiten. Dabei verfolgen wir den experimentellen Ansatz "von kleinen Tieren zu kleinen Molekülen". An Mäusen studieren wir die Wechselbeziehungen zwischen Wirt und Erreger sowie die genetischen Ursachen der Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Dann suchen wir nach kleinen Molekülen mit infektionshemmender Wirkung.
Welche Wendepunkte in der Wissenschaft, ihrer Berufslaufbahn und Ihrem Leben haben Ihre Entscheidungen beeinflusst?
Ich hatte das Glück, dass ich bei hervorragenden Lehrern in erstklassigen Instituten arbeiten konnte. Jeden Tag mit seinem Idol zu arbeiten, ist viel besser als das Idol nur ab und zu im Kino zu sehen.
Was war der wichtigste Augenblick Ihrer Karriere?
Gegen Ende meiner Postdoczeit in Kanada nahm ich in Heidelberg an einer EMBO-Tagung über Mausgenetik teil. Beim Mittagessen, in der Cafeteria, stand ich zufällig unmittelbar hinter Peter Gruss in der Schlange. Ich nahm meinen Mut zusammen und fragte ihn, ob er für mich in Deutschland eine Stelle wüsste. Er verneinte, versprach mir aber, sich umzuhören. Zwei Wochen später erhielt ich ein Stellenangebot vom Max-Planck-Institut in Göttingen.
Welches war Ihre wichtigste wissenschaftliche Entdeckung?
Im Jahr 1988 fand ich bei undulated-Mäusen eine Mutation im Gen Pax1. Damit hatte man zum ersten Mal bei Mäusen ein Gen entdeckt, das zu den Entwicklungsregulationsgenen der Taufliege homolog ist und bei Säugetieren eine ähnliche Funktion erfüllt. „Eindeutige Erkennisse aus komplizierten Sachverhalten.“
Was treibt Sie an? Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?
Ich liebe Aha-Effekte. Den Augenblick, wenn ich etwas verstehe, das ich vorher nicht verstanden habe. Die Erkenntnis muss nicht unbedingt aus meiner Forschung erwachsen. Sie kann sich auch einstellen, wenn ich ein Buch lese oder mich mit jemandem unterhalte. Dafür gibt es keine bessere Arena als die wissenschaftliche Arbeit.
Was hat Sie, Ihr Leben und damit auch die Wissenschaft beeinflusst und beeindruckt?
Die Leidenschaft, mit der mein Botanikprofessor uns die Photosynthese erklärt hat (er bezeichnete sie als Drama in zwei Akten), die freundschaftliche Unterstützung durch meinen Doktorvater und die Art meines Chefs in der Postdoczeit, glasklar zu denken und zu reden.
Gibt es ein Leitmotiv oder einen Ausspruch, der Sie während Ihres Lebens begleitet hat?
"Wer schreit, hat Unrecht."
Ich würde gern in einem Arbeitsumfeld leben, in dem Fehler (zumindest wenn man sie zum ersten Mal begeht) ein normaler Bestandteil des Lebens sind und kein Grund, jemanden anzuschreien.
Ihre Idole?
Friedrich Theodor Althoff (1839-1908). Er war einer der besten preußischen Beamten und entscheidend dafür verantwortlich, die besten Mathematiker nach Göttingen zu bringen. Viele Wissenschaftler, die dort gearbeitet hatten, erhielten später den Nobelpreis ("Göttinger Wunder").
Welchen Rat geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?
Erstens: Ideen sind billig. Machen!
Zweitens: Andere kochen auch nur mit Wasser. Blicke über den Tellerrand deines Fachgebietes. Dann wirst du merken, dass viele Prinzipien überall ähnlich sind, sogar im Vergleich von Biologie, Technologie, Wirtschaft und Politik.
Drittens: Keine Angst vor Mathematik! Um biologische Systeme modellhaft nachzubilden und zu simulieren, müssen wir sie mathematisch beschreiben.
Was wäre für Sie die Alternative oder der Plan B gewesen, wenn es mit der Wissenschaft oder Ihrer Stelle nicht geklappt hätte?
Ich hätte ein Buchantiquariat betrieben. Wenn man auf neue Ideen kommen will, gibt es keine bessere Methode, als alte Bücher zu lesen.
Wie sehen Ihre Träume für die Zukunft aus?
Dass es uns gelingt, das Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung zum spannendsten, anregendsten Ort der Welt zu machen.
Dass es uns gelingt, neue, wirksame Medikamente und Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten zu finden!
Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich lese das Buch "The Road to Reality" von Roger Penrose und versuche, es zu verstehen.
Kontakt
Prof. Dr. Rudi Balling
Former Scientific Director of Helmholtz Centre for Infection Research Braunschweig, Germany
+352-466644-6922
Klick me
http://wwwde.uni.lu/
Lebenslauf
Seit 2009
Direktor des Luxembourg Centre for Systems Biology
2001 - 2009
Wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig
1993 - 2000
Direktor des Instituts für Säugetiergenetik, GSF-Forschungszentrum, Neuherberg
1991 - 1993
Max-Planck-Nachwuchswissenschaftler, Max-Planck-Institut für Immunbiologie, Freiburg
1987 - 1991
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Abteilung für Molekulare Zellbiologie, Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie, Göttingen
1985 - 1987
Postdoctoral Fellow, Mount Sinai Hospital Research Institute, Toronto, Kanada
1981 - 1984
Doktorand, Institut für Anatomie und Fortpflanzungsbiologie, Universität Aachen
1978 - 1979
Graduate Student in Animal Nutrition, Washington State University, Pullman, USA
1974 - 1980
Studium der Ernährungswissenschaft, Universität Bonn

