Fragen und AntwortenProf. Jan Buer

Am Universitätsklinikum Essen haben Sie viele Patienten, die an der Schweinegrippe erkrankt sind. Welche Auswirkungen hat die Seuche auf Ihren Arbeitsalltag?
An unserem Klinikum hat es den ersten Todesfall durch die Schweinegrippe in Deutschland gegeben. Und auch die erste schwangere Erkrankte wurde bei uns behandelt. Das hat natürlich für viel Aufregung und Medienrummel gesorgt. Wir haben eine Abteilung Virologie, diese Abteilung hat natürlich mit der Schweingrippe am meisten zu tun. Aber wir, die Mikrobiologen sind auch gefragt. Denn erst einmal haben wir einen Patienten vor uns, von dem wir nur wissen, dass er die Symptome einer Infektionskrankheit hat. Dann müssen wir schnell gemeinsam herausfinden, was es genau ist. Und da müssen alle ran, die Mikrobiologen genauso wie die Virologen.
Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen: Stehen Sie jeden Tag am Bett der Patienten?
Nein, ganz so ist es nicht. Aber in meiner Abteilung arbeiten Oberärzte, die auch jeden Tag auf die Stationen gehen, sich auch mal einen Patienten anschauen und die Therapie mit dem Stationsarzt besprechen. Der größte Teil unser Arbeit aber findet im Labor statt. Dort charakterisieren wir die Keime, um schnellstmöglich die richtige Therapie zu liefern. Für unsere Forschung ist die Nähe zur Klinik sehr wichtig. Wir können mit „echten“ Fällen arbeiten. Das macht die Forschung sehr effektiv.
Und woran forschen Sie genau?
Wir entwickeln zum einen neue molekularbiologische Diagnostik mit denen man Krankheitserreger charakterisieren kann. Zum anderen untersuchen wir die Wirt-Erreger-Interaktionen, um neue Angriffspunkte für Medikamente zu entwickeln. Das ist eine große und wichtige Herausforderung, denn wir haben nur noch wenige Antibiotika, die wir in der Behandlung einsetzen können. Wir müssen also neue Strategien entwickeln, wie wir Erreger bekämpfen können.
Wie können solche Strategien aussehen?
Ein zukunftsträchtiges Feld ist die Immunabwehr des Wirtes, in unseren Forschung also die des Menschen. Wir müssen die Mechanismen dieser natürlich Immunabwehr besser nutzen, sie aktivieren. Um das machen zu können, müssen wir sie besser verstehen. Es gibt dort eine Reihe viel versprechender Ansätze, wie beispielsweise die Defensive oder auch die Aktivierung von Botenstoffen. Neue Strategien sind sehr wichtig geworden. Denn die Pharma-Industrie hat nichts, aber auch gar nichts in ihren Entwicklungspipelines.
Woran liegt das?
Zum einen fehlt den Pharmaunternehmen tatsächlich die neuen Ansätze. Zum anderen ist es für sie aber auch nicht so lukrativ, beispielsweise ein neues Antibiotikum zu entwickeln. Deswegen sind wir, die Forschungseinrichtungen, umso mehr gefragt. Wir dürfen das nicht den Pharmariesen überlassen, denn die Bekämpfung von Infektionskrankheiten ist eine der großen gesellschaftlichen Aufgaben, die wir in den nächsten Jahrzehnten zu bewältigen haben.
Was ist das Hauptproblem: Das Auftreten neuer Erreger, wie die Schweinegrippe oder die multiresistenten Keime?
Beides, das Problem ist sehr vielschichtig. Multiresistenzen sind zum Einen ein globales Problem. Zum Beispiel die Geschlechtskrankheit Tripper war vor ein paar Jahren noch gut mit Antibiotika behandelbar. Jetzt kann man aber in Asien vielerorts Antibiotika einfach im Laden kaufen. Das hat dazu geführt, dass es jetzt Tripper-Erreger gibt, die auf diese Antibiotika nicht mehr ansprechen. Gleichzeitig führt die zunehmende Mobilität dazu, dass Erreger überall hin verbreitet werden. Im Krankenhaus haben wir sehr mit den multiresistenten Keimen zu kämpfen. Vor allem immunsupprimierte Patienten, wie HIV-Positive und Transplantationspatienten sind davon sehr betroffen. Aber auch Menschen mit chronischer Bronchitis. Diese multiresistenten Keime sind mittlerweile eine richtige Gefahr für den Patienten, aber auch das Gesundheitssystem ist massiv belastet, denn die Therapie mit Antibiotika ist sehr teuer. Deswegen haben wir auch den „Antibiotika-Service“. Wir beraten unsere Ärzte und auch andere Krankenhäuser darin, wie Antibiotika sinnvoll eingesetzt werden. Das spart viel Geld und ist für den Patienten das Beste.
Sie managen jetzt eine Abteilung mit 100 Mitarbeitern. Das bedeutet wahrscheinlich viel Arbeit am Schreibtisch und wenig Kontakt mit Patienten. Vermissen Sie das als Arzt nicht?
Nein. Ich finde meine Arbeit sehr spannend. Außerdem wollte ich ursprünglich auch gar nicht Arzt werden, sondern Pilot bei der Bundeswehr. Als ich mit der Schule fertig war, lief ja gerade Top Gun. Da wollten wir alle wie Tom Cruise werden. Eigentlich hat mich meine Mutter zu dem Medizinstudium gedrängt. Dafür bin ich hier heute sehr dankbar. Denn Forschung macht mir Freude und außerdem weiß ich dass meine Arbeit sehr sinnvoll ist.
Kontakt
Prof. Jan Buer
Leiter des Instituts für medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Duisburg-Essen
Lebenslauf
Jan Buer ist Leiter des Instituts für medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. Der habilitierte Mediziner und Vater von zwei Kindern hat während seiner Doktorarbeit über molekulare Diagnostik von Blutkrebs am Memorial Sloan-Kettering Cancer Institute in New York geforscht. Für eine Postdoc-Stelle ging er dann ans Hôpital Necker Enfants Malades in Paris zu Harald von Boehmer. Anschließend leitete er fünf Jahre lang eine Arbeitsgruppeam Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, die sich mit mukosaler Immunität beschäftigte. Gleichzeitig absolvierte er seine Facharztausbildung an der Medizinischen Hochschule Hannover und erhielt dort den Ruf auf eine C3 Professur am Institut für Medizinische Mikrobiologie. 2007 wechselte er in seine jetzige Position nach Essen. Neben der Forschung ist seine große Leidenschaft Fußball. Er nutzt jede Gelegenheit bei den Spielen seiner Vereins Werder Bremen dabei zu sein.

