Fragen und AntwortenProf. Dr. Werner Goebel

Werner Goebel ©Pressestelle Universität Würzburg

Wie sind Sie zur Infektionsforschung gekommen? Was fasziniert Sie an dem Fachgebiet?
Ich habe "harte" Chemie studiert und mich damals kaum um Biologie und Medizin gekümmert. Mehr oder weniger durch Zufall bekam ich es während meiner Doktorarbeit mit einigen Aspekten der Biochemie und Genetik von Mikroorganismen zu tun, und das fand ich ganz interessant. Aber dann hatte ich zu jener Zeit die Gelegenheit, für mehrere Monate nach Kenia zu reisen, wo mein Schwiegervater als veterinärmedizinischer Virologe tätig war; das Institut, an dem er arbeitete, entwickelte Impfstoffe gegen verschiedene Viren und Bakterien, die bei Tieren und Menschen Krankheiten verursachen. Als ich durch Nairobi ging und mit ihm verschiedene Teile Afrikas bereiste, wurde mir klar, wie verheerend Infektionskrankheiten für große Teile der Menschheit sind. Wir unterhielten uns ausführlich über solche Probleme, und dabei ist mir vor allem eine Bemerkung von ihm im Gedächtnis geblieben: "Wir arbeiten (als Tiermediziner) mit diesen Krankheitserregern, aber wir wissen nicht, warum sie Krankheitserreger sind. Ihr dagegen habt als Biochemiker die Mittel, um ihre Geheimnisse zu lüften."

Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Da ich seit einem Jahr emeritiert bin, habe ich nur begrenzt die Möglichkeit zu richtiger wissenschaftlicher Arbeit, aber ich beschäftige mich - in Zusammenarbeit mit anderen - immer noch mit einem Aspekt pathogener Bakterien, der lange vernachlässigt wurde: mit den Wechselwirkungen zwischen dem Stoffwechsel von Bakterium und Wirt sowie der Virulenz von Bakterien. Für solche Untersuchungen ist meine frühere solide Ausbildung in Chemie und Biochemie von großem Nutzen.

Welche Wendepunkte in der Wissenschaft, ihrer Berufslaufbahn und Ihrem Leben haben Ihre Entscheidungen beeinflusst?
Siehe oben. Es gab aber noch einige weitere entscheidende Augenblicke. Während meiner Doktorarbeit (und nach meinen Erlebnissen in Afrika) nahm ich an einem Seminar des mittlerweile verstorbenen H. Friedrich-Freksa teil, der damals zu den leitenden Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Virusforschung (heute Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie) in Tübingen gehörte. Friedrich-Freksa war nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler, sondern auch ein äußerst anregender Lehrer, der seine Studenten fesseln konnte. In einem seiner Seminare behandelten wir "übertragbare episomale Elemente" bei Bakterien; manche dieser "Episomen" waren offensichtlich an der pathogenen Wirkung und der Antibiotikaresistenz pathogener Enterobakterien beteiligt. Diese Erkenntnis stützte sich damals ausschließlich auf einige formal-genetische Experimente und vor allem auf Spekulationen - noch nie hatte jemand ein solches "Episom" isoliert. Aber Friedrich-Freksa erzählte mir von einem ausgezeichneten jungen Wissenschaftler an der University of California in San Diego. Er hieß Don Helinski ("Er kommt von Yanofsky!") und arbeitete daran, diese hypothetischen extrachromosomalen Elemente in reiner Form darzustellen. Ich schrieb an Helinski, und er nahm mich als Postdoc an. Für mich war das, was Wissenschaft und Berufslaufbahn angeht, wahrscheinlich der wichtigste Wendepunkt in meinem Leben. Ich konnte nun an den Anfängen der molekularbiologischen Untersuchung bakterieller Plasmide mitarbeiten (Helinskis Arbeitsgruppe gelang es als erster, Bakterienplasmide physisch zu isolieren), und über die Plasmide kam ich schließlich zur Molekularbiologie der pathogenen Wirkungen von Bakterien. Mir fiel wieder ein, was mein Schwiegervater mir einmal erzählt hatte: Manche Stämme von E. coli, die man aus durchfallkranken Rindern isoliert hatte, wirken hämolytisch, aber diese Eigenschaft verschwindet, wenn man die Bakterienstämme im Labor weiterzüchtet. Aus meinen Erfahrung mit den Plasmiden wusste ich nun: Aha, die hämolytische Wirkung dieser E. coli-Stämme muss in einem Plasmid codiert sein. Ich hatte Glück: Die fraglichen Stämme tragen die Determinante für die Hämolyse tatsächlich auf einem Plasmid, was, wie wir heute wissen, recht ungewöhnlich ist. Später konnte unsere Arbeitsgruppe (und insbesondere mein höchst begabter Mitarbeiter J. Hacker) nachweisen, dass die Hämolysin-Determinante bei E. coli-Stämmen, die Infektionen der Harnwege hervorrufen, am häufigsten ist; sie liegt dort zusammen mit anderen Virulanzdeterminanten auf Pathogentätsinseln. Eigentlich begannen erst damit mein vertieftes Interesse und meine Arbeit an den pathogenen Eigenschaften der Bakterien.

Was war der wichtigste Augenblick Ihrer Karriere?
Als ich (von der DFG) meine erste (ziemlich umfangreiche) Forschungsfinanzierung erhielt und die Chance hatte, mit einer eigenen Arbeitsgruppe unabhängig Forschung zu betreiben.

Welches war Ihre wichtigste wissenschaftliche Entdeckung?
Schwer zu sagen. Vielleicht war es die Erkenntnis, dass Hämolysin als Protein durch einen ganz anderen Mechanismus sezerniert wird und nicht durch den Sec-Reaktionsweg, den man damals für den einzigen Weg des Proteintransports durch Membranen hielt.

Was treibt Sie an? Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?
Neugier und das spannende Gefühl, etwas Unbekanntes in Erfahrung zu bringen.
Die tagtägliche Erregung, wenn man neue, unerwartete experimentelle Befunde erzielt, und die wissenschaftlichen Diskussionen mit Mitarbeitern und Kollegen.

Was hat Sie, Ihr Leben und damit auch die Wissenschaft beeinflusst und beeindruckt? Haben Sie Idole?
In meiner langen Wissenschaftlerlaufbahn habe ich viele "wichtige" (oder sogar "berühmte") und "weniger wichtige" Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kennen gelernt, die mich mehr oder weniger stark beeindruckt haben (wobei der "Eindruck" nicht immer proportional zur "Wichtigkeit" war) und mein Leben einschließlich meiner Einstellung zur Wissenschaft im positiven (siehe oben) wie im negativen Sinn prägten. Aber Idole? - Ich denke, in der Wissenschaft herrscht zu viel Eitelkeit (beispielsweise der tägliche Tanz um den "Impact Factor"), und die verhindert in den meisten Fällen, dass fähige Wissenschaftler zu wahrhaft großen Persönlichkeiten werden. Trotz Newton, Darwin, Einstein und so weiter - mein Idol ist Johann Sebastian Bach, der einen unglaublichen Kosmos großartiger Musik geschaffen hat; Vergleichbares gibt es in der Wissenschaft nicht.

Welchen Rat geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?
Wenn du eindringlich spürst, dass du wissenschaftlich arbeiten willst, tu es, aber sei dir bewusst, dass es nicht nur eine faszinierende, sondern auch eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit ist!

Was wäre für Sie die Alternative oder der Plan B gewesen, wenn es mit der Wissenschaft oder Ihrer Stelle nicht geklappt hätte?
Wissenschaftler zu werden, war für mich bereits die Alternative oder der Plan B. Mein Plan A war der Wunsch, Musik zu studieren und Pianist zu werden, aber dafür war ich leider nicht begabt genug. Deshalb bin ich froh, das der Plan B geklappt hat.

Wie sehen Ihre Träume für die Zukunft aus?
Derzeit bemühe ich mich darum, meine verschütteten musikalischen Fähigkeiten so weit wie möglich wiederzubeleben. Deshalb liegen meine Zukunftsträume mehr auf diesem Gebiet. Ich möchte einige große Werke der Klaviermusik beherrschen (zumindest auf einem annehmbaren Niveau), beispielsweise die Goldbergvariationen von Bach, die Sonate op. 111 von Beethoven und die h-moll-Sonate von Liszt - darum bemühe ich mich sehr.
Natürlich möchte ich mich auch so weit wie möglich über die spannenden neuen Entwicklungen in der modernen Biologie und insbesondere auf dem Gebiet der pathogenen Mikroorganismen auf dem Laufenden halten.

Welche Arbeiten halten Sie in Zukunft für wichtig?
Da sehe ich zwei Hauptthemen: Erstens halte ich es für sehr wichtig, dass Untersuchungen zur bakteriellen Krankheitsentstehung an zuverlässigen in-vivo-Systemen vorgenommen werden. Durch die häufig verwendeten künstlichen Systeme mit Zellen entstehen zu viele Verfälschungen. Und zweitens sollte man sowohl die Wechselbeziehungen zwischen dem Stoffwechsel von Erreger und infizierter Wirtszelle, als auch die Zusammenhänge zwischen Stoffwechsel und Virulenz eines Erregers viel eingehender erforschen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
München, wo ich heute wohne, ist eine großartige Stadt, wenn man kulturelle Ereignisse (Konzerte, Oper, Theater) genießen will, was ich in großem Umfang tue. Hin und wieder kann man mich aber auch bei Fußballspielen im Stadion antreffen.

back

Kontakt

Prof. Dr. Werner Goebel
Professor emeritus, scientist at the Max-von-Pettenkofer Institute

Email:Klick me
http://www.mikrobio.biozentrum...



Lebenslauf

Seit 2008:emeritierter Professor und Gastwissenschaftler am Max-von-Pettenkofer-Institut München.
1975–2008: Professor für Mikrobiologie am Biozentrum der Universität Würzburg.
1989/90: Gastprofessor am Scripps Institute in La Jolla.
1972-1975: Professor für Biochemie an der technischen Universität Braunschweig und Leiter der Abteilung für Genetik bei der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) Braunschweig.
1971-1972: Dozent am Institut für Mikrobiologie der Universität Hohenheim.
1971: Habilitation in Mikrobiologie und Biochemie an der Universität Hohenheim.
1967-1969: Postdoctoral Fellow bei Prof. Don Helinski an der University of California in San Diego (UCSD), La Jolla, USA.
1966-1967: Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Organische Chemie der Universität Tübingen.
1966: Promotion zum Dr. rer. nat.
1963-1966: Doktorarbeit am Institut für Organische Chemie der Universität Tübingen.
1958-1963: Chemiestudium an der Universität Tübingen.