Fragen und AntwortenProf. Matthias Gunzer

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In wissenschaftlichen Publikationen von Immunologen findet man fast nur noch Arbeiten, in denen molekularbiologische Methoden angewandt werden. Sie verbringen dagegen die meiste Zeit am Mikroskop. Ist das nicht ein bisschen old-fashioned?
Als old-fashioned würde ich mich nicht bezeichnen. Denn wir arbeiten mit Hightech-Geräten, vor allem einem 2-Photonen-Mikroskop, das uns Einblicke in Vorgänge im Gewebe verschafft, von denen man vor ein paar Jahren nur träumen konnte. Dagegen vergessen die Leute mit der molekularen Lupe bei der Interpretation ihrer Ergebnisse zu oft den Gesamtzusammenhang eines intakten Organismus.

Was sind das für Einblicke?
Wir untersuchen in einem Projekt beispielsweise Aspergillus fumigatus, einen Pilz, der allgegenwärtig in der Luft ist. Es ist ein Krankheitserreger, der uns aber unter normalen Umständen keine Probleme bereitet. Höchst gefährlich ist er aber für Menschen, deren Immunsystem nicht intakt ist, wie es beispielsweise der Fall ist, wenn jemand eine Knochenmarktransplantation bekommen hat. Wir wollen jetzt wissen, wie das Immunsystem eines gesunden Menschen die Pilzsporen inaktiviert. Dafür schauen wir uns in situ, in der präparierten Lunge einer Maus, an, was dort in den Alveolen passiert. Dort kann man dann zum Beispiel live sehen, wie Pilzsporen von Immunzellen attackiert und zerstört werden. Absolut faszinierend.

Das hört sich jetzt aber doch ein bisschen an, wie Anthoni van Leeuwenhoek, der vor mehr als dreihundert Jahren begeistert die „animalculi“ beschrieb, die er unter seinem Mikroskop zu sehen bekam...
Ja, von der Herangehensweise arbeiten mein Team und ich zunächst mal wie die alte Garde der Wissenschaftler. Wir beobachten und beschreiben exakt die Vorgänge, die wir im Mikroskop beobachten. Genau so wie es van Leeuwenhoek und Generationen von Wissenschaftlern nach ihm gemacht haben. Aber das ist auch wichtig, denn die Dinge, die wir beobachten, hat vor uns noch kein Mensch beobachtet. Um sie also der Allgemeinheit zugänglich zu machen, muss man sie zunächst mal exakt beschreiben. Ein häufiges Problem der Wissenschaftler ist ja, dass sie in vitro Artefakte produzieren, die aus den Versuchsbedingungen im Reagenzglas resultieren. Dieses Problem haben wir nicht. Wir sehen das, was tatsächlich im Gewebe oder sogar im lebenden Organismus passiert. Aber natürlich bleiben wir da nicht stehen. Auch uns interessieren molekulare Mechanismen und die identifizieren wir dann für unsere komplexen Verhaltensmuster, die wir zuvor in vivo beobachtet haben. Dabeiarbeiten wir auch häufig mit anderen Forscher-Gruppen zusammen. Beides hat van Leeuwenhoek nicht getan. Denn rein deskriptive Arbeiten kann man heute nicht mehr publizieren. Es wird immer danach gefragt: 'Und warum ist das so?' Ich würde mir aber wünschen, dass der eine oder andere Molekularbiologe auch mal einen Blick in unser Mikroskop wirft. Denn manchmal konstruieren die Versuche bei denen man ganz klar vorhersagen kann: So funktioniert das im echten Leben nicht!

Sie arbeiten ja jetzt schon seit einigen Jahren als Immunologe. Was begeistert Sie immer noch für Ihre Wissenschaft?

Das eine habe ich bereits gesagt: Es ist absolut faszinierend, was man dort unter dem Mikroskop zu sehen bekommt. Und immer wieder schießt einem der Gedanke in den Kopf: Das hat noch nie jemand vor uns gesehen! Ich schaue mir einige unserer Aufnahmen immer wieder an und bin jedes Mal wieder begeistert. Faszinierend ist aber auch das Arbeiten mit diesen tollen Hightech-Geräten. Diese Kombination aus Wissenschaft und Technik, das ist das was meinen Job so spannend macht.

Sie haben ja eine Blitzkarriere hingelegt, mit 38 Jahren haben Sie Ihren Ruf an die Universität Magdeburg bekommen. Was raten Sie jungen Wissenschaftlern, damit sie Erfolg in der Wissenschaft haben?

Wichtig ist sicherlich, sich schon in der Doktorarbeit für ein erfolgversprechendes Thema zu entscheiden. Häufig sind die jungen Wissenschaftler zu dem Zeitpunkt aber noch gar nicht so weit, das richtig beurteilen zu können. Deswegen ist es wichtig, dass sie sich Rat von erfahreneren Forschern einholen. Dann sollten sie versuchen viel rumzukommen, denn am meisten lernt man in guten Laboren. Aber wichtig ist natürlich vor allen Dingen, dass man wirklich begeistert ist von seiner Forschung.

Was meinen Sie: Für welche Entdeckung aus Ihrem Fachbereich könnte es vielleicht mal einen Nobelpreis geben?

Das ist eine schwierige Frage. Möglicherweise in Zusammenhang mit einem anderen Prozess der Immunabwehr. Man weiß heute, dass die Infektion mit einem Influenza Virus häufig noch eine bakterielle Infektion nach sich zieht. Und die ist dann oft tödlich. Das hat man auch bei den aktuellen Schweinegrippefällen mit tödlichem Ausgang festgestellt: Nicht das Virus hat die Menschen umgebracht, sondern ganz oft eine anschließende Superinfektion mit Bakterien, die wir normalerweise locker abwehren können. Auf irgendeine Weise scheint das Virus also die Immunabwehr lahmzulegen. Wie das funktioniert, das ist noch ein großes Rätsel. Wir und viele andere forschen daran. Demjenigen, der erklären kann, wie das funktioniert und dann vielleicht auch noch die geeignete Therapie liefert, dem müsste man einen Nobelpreis verleihen Aber das werden sicherlich nicht wir sein (lacht).

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Kontakt

Prof. Matthias Gunzer
Professor für Immunologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Phone:0049 (0)391/ 67-15382
Fax:0049 (0)391/ 67-15394
http://www.med.uni-magdeburg.d...



Lebenslauf

Matthias Gunzer ist Professor für Immunologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und stellvertretender Leiter des dort ansässigen Instituts für Molekulare und Klinische Immunologie. Er studierte an den Universitäten Würzburg und Witten-Herdecke Biologie und Biochemie. Nach seiner Doktorarbeit wechselte er an die Universität Münster. Im Januar 2003 übernahm er die Leitung der Nachwuchsforschergruppe „Immundynamik“ am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Er habilitierte an der Universität Hannover und erhielt im Mai 2007 einen Ruf an die Universität Magdeburg. In seiner Forschung setzt er vor allem auf die in situ und in vivo Mikroskopie und betrachtet mit dieser Methode live, wie das Immunsystem auf Krankheitserreger reagiert. Matthias Gunzer ist Vater von drei Kindern. In seiner Freizeit beschäftigt er sich am liebsten mit Lesen und dem Bau von nützlichen oder verrückten Dingen in seiner viel zu kleinen Werkstatt.