Fragen und AntwortenProf. Dr. Stefan H. E. Kaufmann

Wie sind Sie zur Infektionsforschung gekommen? Was fasziniert Sie an dem Fachgebiet?
Ich hatte das Glück, Immunologie und medizinische Mikrobiologie in Mainz bei Professor Paul Klein zu studieren, einem charismatischen Lehrer und Mentor, wie man ihn selten findet. Deshalb war ich seit Mitte der 1970er Jahre von Immunologie und Infektionskrankheiten gefesselt, und ich bemühte mich sofort, beides zu kombinieren.
Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Mein größtes Interesse gilt Infektionskrankheiten, die zu einer starken gesundheitlichen Beeinträchtigung führen. Ich versuche, meine wissenschaftlichen Interessen mit meinen Kenntnissen über Gesundheitsgefahren zu kombinieren und mit rationalen Methoden einen Impfstoff gegen Tuberkulose zu entwickeln. Ausgangspunkte sind dabei grundlegende immunologische Befunde, Untersuchungen an der Tuberkulose und molekularbiologische Fachkenntnisse. Der Impfstoff wurde mittlerweile zur Erprobung zugelassen und geht hoffentlich noch dieses Jahr in die klinische Prüfung. Um die klinische Erprobung von Impfstoffen zu beschleunigen, arbeiten wir intensiv an der Definition biologischer Signaturen, mit deren Hilfe man zwischen einer latenten Infektion und der akuten Krankheit unterscheiden kann. Bei der Tuberkulose ist das möglich, weil die Krankheit bei 90 Prozent der Infizierten nie ausbricht; nur zehn Prozent erkranken. Da ein Drittel der Weltbevölkerung mit Mycobacterium tuberculosis infiziert ist, ist die Zahl der Betroffenen insbesondere in Afrika groß genug. Außerdem wollen wir die Immunreaktion bei Bakterieninfektionen genauer aufklären. Und nicht zuletzt macht es Spaß, die Immunantwort genauer zu verstehen. Wir wollen die Qualität unserer wissenschaftlichen Arbeit nicht vermindern, aber gleichzeitig haben wir uns entschlossen, nicht an einfachen Modellen zu arbeiten, sondern echte Krankheitserreger zu untersuchen. Dabei schrecken wir auch vor M. tuberculosis, einem besonders komplizierten Vertreter, nicht zurück.
Welche Wendepunkte in der Wissenschaft, ihrer Berufslaufbahn und Ihrem Leben haben Ihre Entscheidungen beeinflusst?
Interessanterweise bin ich schon seit über 30 Jahren auf dem Gebiet der Infektionsforschung und Immunologie tätig. Unsere Arbeit muss also in ihren verschiedenen Stadien so lohnend gewesen sein, dass ich mich nicht zu einem Themenwechsel entschließen konnte. Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen den einfachsten Organismen (Bakterien) und dem kompliziertesten Lebewesen (dem Menschen) haben mich immer fasziniert. Während meiner Forschungsarbeit habe ich gelernt, dass die einfachen Organismen in diesen Wechselbeziehungen sehr oft die Oberhand behalten. In den 1980er Jahren, als ich bei der WHO als Berater tätig war, erwachte mein Interesse an den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der großen Infektionskrankheiten, der Reiz war aber nicht so stark, dass ich mich ausschließlich mit derartigen Fragen befassen wollte. Erst nachdem ich Kontakt mit der Bill and Melinda Gates Foundation hatte, erschien es mir am lohnendsten, infektionsbiologische Grundlagenforschung zu betreiben und damit gleichzeitig zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen.
Welches war Ihre wichtigste wissenschaftliche Entdeckung?
Das war die Entdeckung, dass CD8+-T-Zellen einen großen Beitrag zum Schutz gegen Bakterien leisten. Als ich Ende der 1970er Jahre mit meinen Arbeiten begann, herrschte allgemein die Ansicht, dass CD4-T-Zellen (das heißt die Helfer-T-Zellen) für den Schutz vor Bakterien sorgen, während CD8-T-Zellen (cytolytische T-Zllen) sich um Virusinfektionen kümmern. Heute wissen wir, dass die Verhältnisse in Wirklichkeit viel komplizierter sind. CD8-T-Zellen sind ein unentbehrlicher Bestandteil der Abwehrmechanismen gegen zahlreiche Bakterien in den Zellen, darunter auch M. tuberculosis. Seit jener Zeit bilden die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Populationen der T-Zellen einen wichtigen Schwerpunkt meiner Forschungsarbeiten.
Was treibt Sie an? Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?
Was mich antreibt, ist eine Kombination aus hoch entwickelter Grundlagenforschung, die man nur mit neuester Technologie betreiben kann, und Fragestellungen vor Ort in den Entwicklungsländern. Wir stellen immer wieder die gleiche Frage: Wie kann die Grundlagenforschung zu Lösungen beitragen, damit den Menschen, die am stärksten unter den Infektionskrankheiten leiden, geholfen wird?
Was hat Sie, Ihr Leben und damit auch die Wissenschaft beeinflusst und beeindruckt? Haben Sie Idole?
In der Wissenschaft habe ich keine Idole, aber Melinda und Bill Gates sind eine äußerst wichtige treibende Kraft für meine Vision, mit Wissenschaft zu einer besseren Gesundheit beizutragen.
Welchen Rat geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?
Entscheide dich, ob du mit hoch entwickelten Modellsystemen arbeiten willst, die dir vielleicht neue wissenschaftliche Richtungen von allgemeiner Bedeutung eröffnen, oder ob du nach Antworten auf wichtige biologisch-medizinische Fragen suchst. Der zweite Weg erweist sich häufig als mühsam, kann aber auch sehr lohnend sein. Gehe in beiden Fällen nie Kompromisse ein, was die Qualität deiner Arbeit betrifft.
Was wäre für Sie die Alternative oder der Plan B gewesen, wenn es mit der Wissenschaft oder Ihrer Stelle nicht geklappt hätte?
Vermutlich würde ich im mittleren oder südlichen Afrika leben, im Idealfall auf einer Ranch.
Wie sehen Ihre Träume für die Zukunft aus?
Ich wäre froh, wenn wir die Millenium-Entwicklungsziele bis 2015 erreichen könnten. Mein Hauptinteresse ist natürlich eine Eindämmung der Häufigkeit von HIV/AIDS, Malaria, Tuberkulose und anderer wenig beachteter Krankheiten, nicht zuletzt natürlich mit wissenschaftlichen Mitteln.
Welche Arbeiten halten Sie in Zukunft für wichtig?
Siehe meine Empfehlungen für junge Wissenschaftler.
Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich sammle medizinische Bücher. Es ist faszinierend zu lesen, wie Fracastoro im 16. Jahrhundert Krankheitserreger beschrieb, obwohl er sie nie gesehen hatte. Ebenso anregend ist es, wenn man die Zeichnungen von Leeuwenhoek betrachtet, der im 16. Jahrhundert zum ersten Mal Mikroorganismen unter dem Mikroskop sah. Es ist spannend, wenn man liest, wie Robert Koch im 19. Jahrhundert den Mechanismus der Tuberkulose entdeckte. Und es ist faszinierend, wie die Immunologie im goldenen Zeitalter der medizinischen Mikrobiologie entstand und wie viel ihre Väter Paul Ehrlich und Elias Metschnikoff bereits über angeborene und erworbene Immunantwort wussten. Ich empfehle die Lektüre von Elias Metschnikoffs Beschreibung der Phagozytose aus Sicht des Evolutionszoologen und das Werk von Paul Ehrlich über die Kombination aus immunologischer Grundlagenforschung und medizinischer Anwendung. Sie erhielten den Nobelpreis zwar schon vor über 100 Jahren (1908), die Lektüre ist aber noch heute für Immunologen und Infektionsforscher spannend.
Kontakt
Prof. Dr. Stefan H. E. Kaufmann
Director of Max-Planck-Institute for Infection Biology, Berlin, Germany
++49 (0)30-28460-500-502
++49 (0)30-28460-501
Klick me
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Lebenslauf
Seit 1993: Gründungsdirektor und Mitglied des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie, Berlin
Seit 1998: Ehrenprofessor und Professor (apl.) an der Charité, der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin
Derzeit: Präsident der European Federation of Immunological Societies
Derzeit: Designierter Präsident der International Union of Immunological Societies
1991–1998: Ordentlicher Professor und Lehrstuhlinhaber, Institut für Immunologie der Universität Ulm
1987–1991: Professor für Medizinische Mikrobiologie und Immunologie, Institut für für Medizinsche Mikrobiologie und Immunologie der Universität Ulm
1982–1987: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Max-Planck-Institut für Immunbiologie, Freiburg
1981–1987: Dozent, Institut für Medizinische Mikrobiologie der Freien Universität Berlin
1981: Habilitation in Mikrobiologie und Immunologie, Freie Universität Berlin
1978–1981: Assistenzprofessor, Institut für Medizinische Mikrobiologie, Freie Universität Berlin
1976–1978: Wissenschaftlicher Assistent, Institut für Medizinische Mikrobiologie, Ruhr-Universität Bochum
1977: Promotion zum Dr. rer. nat., Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

