Fragen und AntwortenProf. Dr. Carl Nathan

Carl Nathan

Wie sind Sie zur Infektionsforschung gekommen? Was fasziniert Sie an dem Fachgebiet?
Mich fasziniert die Fähigkeit des Immunsystems, jedes Gewebe zu zerstören, das der Organismus für infiziert hält. Ich möchte herausfinden, wie man diese Eigenschaft so trainieren kann, dass sie auch gegen Krebsmetastasen wirkt. So bin ich zur Tumorimmunologie gekommen. Ende der 1970er Jahre war ich Vorsitzender des Komitees für Tumorimmunologie an den NIH, aber ich fand es frustrierend, wie langsam es in dem Fachgebiet damals - in der Zeit vor der Genomforschung - vorranging. Ich ging von folgender Überlegung aus: Wenn man herausfinden will, welche Regeln und Hilfsmittel das Immunsystem zum Töten einsetzt, müsste es sich lohnen, die Immunität in dem Umfeld zu untersuchen, in dem es während der Evolution selektioniert wurde - bei Infektionskrankheiten. Deshalb machte ich in meinem lebenslangen Engagement für die Tumorimmunologie einen kleinen Umweg und wandte mich den Beziehungen zwischen Wirt und Krankheitserreger zu. Im Rückblick war es eine völlig vernünftige Entscheidung, so lange man mit "lebenslang" die Lebensdauer einer Forschungsrichtung und nicht die des Forschers meint.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Viele ungelöste Fragen der Tumorimmunologie kann man an Langzeitinfektionen wie der Tuberkulose nachvollziehen. Ich finde es faszinierend, dass der Mensch nach heutiger Kenntnis der einzige natürliche Wirt für Mycobacterium tuberculosis ist. Das lässt auf ein in der Evolution entstandenes, metastabiles Gleichgewicht zwischen den beiden Arten schließen, und es führt dazu, dass manchmal eine von ihnen stirbt. Wie sehen die chemischen und biochemischen Grundlagen dieser Beziehung aus? Es ist ein großes Privileg, in einem interdisziplinären Labor und Institut zu arbeiten, wo man zur Beantwortung solcher Fragen auf chemische Genetik, Genetik der Mikroorganismen, Genetik der Wirtsorganismen, Biochemie und Immunologie zurückgreifen kann.

Welche Wendepunkte in der Wissenschaft, ihrer Berufslaufbahn und Ihrem Leben haben Ihre Entscheidungen beeinflusst?
Wissenschaftssüchtig wurde ich durch den mittlerweile verstorbenen MD DPhil Lester Grant. Er stellte mich im Sommer nach meinem ersten Highschooljahr als Tierpflegerassistent an Medical Center der New York University ein. Fünf Jahre arbeitete ich in Sommerferien für Lester. Beim Reinigen von Kaninchenkäfigen lernte ich die Wissenschaft von der Pike auf kennen. Lester liebte seine Studenten. Er machte uns mit den Größen der New York University bekannt, unter anderem mit Lewis Thomas, Jonathan Uhr, Chandler Stetson, Baruj Benacceraf, Sherwood "Jerry" Lawrence und Victor Nussenzweig. Als ich in Echtzeit zusah, wie Neutrophile in entzündetes Gewebe einwandern, erwachte mein lebenslanges Interesse an Phagocyten. An der Harvard Medical School arbeitete ich eineinhalb Jahre im Labor von John David; dort erweiterte sich mein Interesse an den Phagocyten auf Makrophagen und Cytokine. Ich hatte das Glück, dass ich als Student zwei großartige Professoren der Harvard University - John David und Manfred Karnovsky - miteinander bekannt machen konnte und von beiden die Schlüssel zu ihren Labors bekam. Während meiner Postdoctätigkeit für Onkologie an der Yale University machte ich gerade ein Experiment, als die Notaufnahme anrief. Als ich nach dem Telefonhörer griff, stieß ich das Röhrchen mit den Makrophagen um, mit denen ich gerade arbeitete. Da wurde mir klar, dass ich mit trotz meiner Liebe für klinische Medizin und Forschung auf dem falschen Dampfer war, wenn ich beides kombinieren wollte, denn es entsprach meinem Charakter, hin und wieder in aller Ruhe ein paar Minuten nachzudenken. Also entschloss ich mich, nur noch Forschung zu betreiben. An der Rockefeller University brachte Zanvil Cohn mir bei, über den Tellerrand der Fachgebiete zu blicken. Es war anregend und lehrreich, in demselben Institut zu arbeiten wie Ralph Steinman und Sam Silverstein und mich mit Renne Dubos über alle möglichen Fragen zu unterhalten.

Was war der wichtigste Augenblick Ihrer Karriere?
Jeder neue Tag ist der Wichtigste - eine Ausnahme sind nur die Tage, an denen ich von den NIH die "rosa Blätter" bekomme. Warum heißen sie nicht "blaue Blätter"? Wenn ich es genauer sagen soll, dann sind es die Tage, an denen in unserem Labor etwas ganz Neues entdeckt wird und an denen wir es zum zweiten Mal sehen.

Welches war Ihre wichtigste wissenschaftliche Entdeckung?
Die hat bisher noch nicht stattgefunden. Aber zusammen mit meinen großartigen Kollegen habe ich schon vieles in Erfahrung gebracht: dass Zytokine die Makrophagen aktivieren, dass TGF-beta und IL10 dabei zu den wichtigsten Substanzen gehören, und dass aktivierte Makrophagen die Tumorzellen und Krankheitserreger unter anderem dadurch töten, dass sie reaktionsfähige Sauerstoff- und Stickstoff-Zwischenprodukte produzieren. Letzte werden von iNOS erzeugt, einem erstaunlichen Enzym, das sich selbst aktiviert, indem es Calmodulin bindet, ohne dass der Calciumspiegel in den Zellen ansteigt. Wir entdeckten, dass iNOS bei Mäusen entscheidend an der Kontrolle der Tuberkulose mitwirkt; dass Mycobacterium tuberculosis widerstandsfähig gegen reaktionsfähige Stickstoffmoleküle ist, liegt nach unseren Befunden unter anderem an seinem Proteasom, seiner Peroxynitritreduktase und seinem Mechanismus zur Nukleotid-Exzisionsreparatur. Wie wir festgestellt haben, kann man mit manchen infektionshemmenden Wirkstoffen spezifisch Bakterien abtöten, die sich gerade nicht teilen, und wenn man gezielt nach solchen Wirkstoffen sucht, findet man eine ganze Menge davon. Ich mache mir mittlerweile große Sorgen, weil infektionshemmende Wirkstoffe nicht ausreichend erforscht und entwickelt werden. Unsere Arbeit wird hoffentlich dazu beitragen, neue Ansätze für das Problem aufzuzeigen. Ebenso bin ich beunruhigt, weil arme Menschen auf der ganzen Welt keinen angemessenen Zugang zu den Medikamenten haben, die es schon gibt oder geben sollte. Auch diesem Thema widme ich einen Teil meiner Gedanken, meiner Schriften und meiner Lehre.

Was treibt Sie an? Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?
Als Teenager wollte ich Künstler werden und ließ mich davon auch durch den offenkundigen Mangel an Begabung nicht abhalten. Dann las ich eines Tages in der New York Times einen Artikel des Kunstkritikers John Canaday, der wie für mich geschrieben zu sein schien. Er gab den Rat: Mach' es nur, wenn du dir nichts anderes vorstellen kannst. Diesen Maßstab legte ich später immer wieder an, und nur die wissenschaftliche Forschung hielt ihm stand. Es ist eine großartige Arbeit: Man tauscht sich mit Menschen unterschiedlicher Herkunft aus, löst Probleme und nutzt seine Freiheit.

Was hat Sie, Ihr Leben und damit auch die Wissenschaft beeinflusst und beeindruckt? Haben Sie Idole?
Als ich das Glück hatte, als Assistenzprofessor in die Redaktion des Journal of Experimental Medicine aufgenommen zu werden, konnte ich großartigen Wissenschaftlern bei der Arbeit zusehen, beispielsweise Zanvil Cohn, Ralph Steinman, Henry Kunkel und Tony Cerami. Am stärksten hat mich aber Maclyn McCarthy beeindruckt: Er war ein hervorragender Gelehrter, Gentleman, Arzt und wissenschaftlicher Revolutionär. Dieser sanfte Gigant interessierte sich für die Klarheit des Ausdrucks viel stärker als für den Beifall anderer.

Welchen Rat geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?
Folge dem Rat von John Canaday, aber wende den Test erst an, wenn du eine Entdeckung miterlebt hast.

Was wäre für Sie die Alternative oder der Plan B gewesen, wenn es mit der Wissenschaft oder Ihrer Stelle nicht geklappt hätte?
Auf dem College habe ich ostasiatische Geschichte im Hauptfach studiert, und auch Südasien hat mich sehr fasziniert. Ich hätte sogar mit einem Fulbright-Stipendium nach Indien gehen können, aber die zuständige Einberufungskommission versprach, mich nach Vietnam zu schicken, würde  ich das Angebot annehmen. Also habe ich lieber Medizin studiert. Wäre das nicht passiert, hätte ich heute wahrscheinlich eine Professur für Geschichte. Wenn ich während des Studiums in der Forschung nicht so großartige Dinge erlebt hätte, würde ich vielleicht Krebspatienten behandeln. Sie zu versorgen, würde mir Spaß machen, aber ich wäre sicher frustriert, dass ich wissenschaftliche Kenntnisse anwenden müsste, die ich für unzureichend halte, während ich andererseits nicht an ihrer Weiterentwicklung beteiligt bin.

Wie sehen Ihre Träume für die Zukunft aus?
Noch eine Entdeckung, und noch eine.

Welche Arbeiten halten Sie in Zukunft für wichtig?
Eine seltsame Frage. Was wir heute tun. Diese Antwort ist unzureichend, und das ist der Grund, warum wir weitermachen. Dabei hoffen wir, dass wir eine bessere Antwort finden.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Meine Frau und ich lieben Musik, Tanz, Theater, Kunst, Bücher, Fotografie, unseren Hund, die Natur und die erstaunlichen Abenteuer unserer Kinder. Und dann gibt es da noch die Daily Show mit John Stewart.

back

Kontakt

Prof. Dr. Carl Nathan
Chairman of the Department of Microbiology & Immunology, Weill Cornell Medical College, NY, USA

Phone:++1 (212) 746-6505
Fax:++1 (212) 746-8587
Email:Klick me
http://www.med.cornell.edu/res...



Lebenslauf

Ich habe schon an vielen Orten der US-Ostküste gelebt und bin zwischen New York, Boston, Washington und New Haven hin und her gezogen - Orten, die Sarah Palin als "nicht das echte Amerika" bezeichnen würde. Mir kommen sie sehr echt vor. Nachdem ich elf Jahre an der Harvard University war (am College, in der Medical School und als Assistenzarzt am Massachusetts General Hospital), arbeitete ich am National Cancer Institute; Krebsforschung lernte ich an der Yale University, dann bekam ich eine feste Stelle an der Rockefeller University. Zehn Jahre später zog ich auf die andere Straßenseite ins Medical College der Cornell University (heute Weill Cornell), wo ich jetzt im 22. Jahr tätig bin. Ich war Professor für Medizin, leitete das Drei-Instituts-Programm für Doktoranden, war beigeordneter Forschungsdekan und amtierender Dekan. Während der letzten zehn Jahre war mein Aufgabenspektrum mehr als reichhaltig: R. A. Rees Pritchett Professor of Microbiology, Chairman des Department of Microbiology & Immunology und Codirektor des Graduiertenprogramms in Immunologie und Mikrobieller Pathogenese, das Weill Cornell gemeinsam mit dem Sloan Kettering Institute betreibt.