Fragen und AntwortenProf. Jean-Jacques Panthier

Wie sind Sie zur Infektionsforschung gekommen? Was fasziniert Sie an dem Fachgebiet?
Ich bin erst kürzlich zur Infektionsforschung gekommen, als mir klar wurde, dass am Institut Pasteur einzigartige Möglichkeiten für Versuche mit Mäusen bestehen und dass man mit ihrer Hilfe neue Mechanismen der Infektionsresistenz identifizieren kann. Dank der weitsichtigen, beharrlichen Arbeit von Jean-Louis Guénet werden derzeit am Institut Pasteur Inzuchtstämme gezüchtet, deren Vorfahren man in freier Wildbahn in Ländern der ganzen Welt gefangen hatte. Diese Inzuchtstämme lieferten in Verbindung mit den genetischen Verfahren zur Analyse quantitativer Merkmale bei Mäusen und der Fachkunde der Experten für neue und wieder aufflammende Infektionskrankheiten an dem Institut den Rahmen für ein Forschungsprojekt zur Aufklärung der Mechanismen, die in der Natur für die Anfälligkeit gegenüber verschiedenen Krankheiten verantwortlich sind.
Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Im ersten Schritt haben wir uns entschlossen, mit drei wirklich lebensgefährlichen Krankheitserregern zu arbeiten: Dem Pestbakterium Yersinia pestis, dem West-Nil-Virus, das eine tödliche Enzephalitits hervorruft, und dem Rift-Valley-Fieber-Virus, das ein hämorrhagisches Fieber auslöst. Wir identifizierten Mausstämme mit erstaunlichen Phänotypen. Einer leitet sich beispielsweise von Vorfahren ab, die in der Nähe von Granada in Südspanien eingefangen wurden, und ist resistent gegen eine ansonsten tödliche Infektion mit Yersinia pestis. Auf die Klärung der Frage, welche Mechanismen für solche spontanen Resistenzen sorgen, verwenden wir den größten Teil unserer Zeit.
Welche Wendepunkte in der Wissenschaft, ihrer Berufslaufbahn und Ihrem Leben haben Ihre Entscheidungen beeinflusst?
Mitte der 1970er Jahre studierte ich am Institut National Agronomique Paris-Grignon, einer Hochschule für Biowissenschaften. Als ich dort Vorlesungen in Genetik hörte, war ich von der Molekularbiologie und Gentechnik fasziniert. Das Institut Pasteur war damals in Frankreich die einzige Einrichtung, an der erste Klonierungsexperimente durchgeführt wurden, und ich hatte wirklich Glück, dass ich dort ein Examen als Docteur-Ingénieur in Hefegenetik ablegen konnte. Später hatte ich das Glück, dass ich François Rougeon kennen lernte und bei ihm eine Doktorarbeit (Doctorat d'Etat) in Genetik über den Renin-Locus der Maus schreiben konnte (siehe unten). François Rougeon brachte mir Molekularbiologie und Mausgenetik bei. Dann nahm François Jacob mich in sein Labor auf, wo ich mit dem mittlerweile verstorbenen Hubert Condamine zusammenarbeitete, einem hoch gebildeten Embryologen. Nachdem Jacob den Nobelpreis erhalten hatte, wechselte er zur Arbeit mit Mäusen, und sein Labor wurde sehr schnell zum führenden französischen Zentrum für Mausgenetik. Es war ein anregendes, lebhaftes Umfeld. Man konnte dort zahlreiche hervorragende Wissenschaftler kennen lernen, beispielsweise Philip Avner, den mittlerweile verstorbenen Charles Babinet, Rolf Kemmler, Jean-François Nicolas und viele andere. Später bekam ich den Lehrstuhl für Genetik an der Alfort School of Veterinary Medicine, wo ich ein Forschungsinstitut für Säugetiergenetik gründen sollte. Erst vor recht kurzer Zeit bot sich die Gelegenheit, wieder ans Institut Pasteur zu wechseln, wo ich jetzt mit Michel Cohen-Tannoudji und Xavier Montagutelli zusammenarbeite. Meine Laufbahn wurde durch Gespräche mit Spitzenwissenschaftlern geprägt. Auch die Weiterentwicklung der Methoden und Hilfsmittel hatte großen Einfluss auf meine Entscheidungen. Einen Plan für meine Karriere hatte ich nie.
Gab es in Ihrer Karriere einen einzigen wichtigsten Augenblick?
Einer fällt mir ein. Ich entwickelte gerade in einer Dunkelkammer am Institut Pasteur ein Autoradiogramm: einen Southern Blot, in dem wir die gesamte DNA aus den beiden klassischen Mäusestämmen BALB/c und AKR mit einer DNA-Sonde für Renin hybridisiert hatten. Ich sah, wie in der wässrigen Entwicklerlösung nach und nach zwei Chromosomenfragmente auftauchten, die im BALB/c-Genom mit der Sonde hybridisiert hatten; im AKR-Genom dagegen zeigte der Nachweis vier Fragmente. Da wurde mir klar, dass BALB/c-Mäuse in ihrem haploiden Genom ein einziges Exemplar des Renin-Gens tragen, AKR-Mäuse dagegen zwei. Das Strukturgen für Renin war bei AKR-Mäusen verdoppelt, und mit dieser Verdoppelung ließ sich erklären, warum AKR-Mäuse in ihrer Unterkieferdrüse so viel Renin produzieren, BALB/c-Mäuse dagegen nur wenig. Ich ging sofort in das Arbeitszimmer meines Doktorvaters François Rougeon und teilte ihm die spannende Entdeckung mit.
Welches war Ihre wichtigste wissenschaftliche Entdeckung?
Dass ausgewachsene Weibchen der Hausmaus, die mit einem Leukämievirus infiziert sind, später Junge zur Welt bringen, in deren Genom das Virus als Provirus integriert ist. Mit anderen Worten: Ein von außen kommendes Leukämievirus, das in einer lebenden Population übertragen wird, kann sich auf natürlichem Wege in ein endogenes Provirus verwandeln, das in der Keimbahn vertikal von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?
Ich fühle mich wie der Scholar von Oxenford in den Canterbury Tales, dem es großen Spaß macht, zu lernen und zu lehren. Beide Tätigkeiten setzen voraus, dass man etwas versteht.
Was hat Sie, Ihr Leben und damit auch die Wissenschaft beeinflusst und beeindruckt?
Ich schätze die Entschlossenheit früherer Wissenschaftler am Institut Pasteur wie Alfred Balchowski, Augustin Chabaud, François Jacob, Elie Wollman und anderen: Sie waren im Zweiten Weltkrieg Soldaten, Widerstandskämpfer oder politische Gefangene gewesen und gelangten schon frühzeitig, als Europa in Trümmern lag, zu dem Entschluss, der Wissenschaft Priorität zu geben und diese Tätigkeit auszuüben.
Ihre Idole?
Eigentlich keine, aber ich weiß elegante Experimente weit blickender Biologen zu schätzen.
Was würden Sie einem wissenschaftlichen Anfänger empfehlen? Welchen Rat geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?
Ziehe die Empfehlungen älterer Kolleginnen und Kollegen in Erwägung und triff dann deine eigenen Entscheidungen so, dass es zu deinem Wesen und deiner Persönlichkeit passt.
Was wäre für Sie der Plan B gewesen, wenn es mit der Wissenschaft nicht geklappt hätte?
Wie so viele Menschen wäre ich liebend gern Musiker geworden.
Wie sehen Ihre Träume für die Zukunft aus?
Ich würde gern neue Resistenzmechanismen gegen Infektionskrankheiten entdecken.
Welche Arbeiten halten Sie in Zukunft für wichtig?
Investitionen in Bildung und Wissenschaft zahlen sich immer aus. Es ist wichtig, unsere Zeitgenossen davon zu überzeugen, dass das auch heute noch gilt.
Was tun Sie in Ihrer Freizeit?
Ich höre gern Musik, vor allem Barockmusik. Außerdem arbeite ich gern im Garten und züchte mit Vergnügen Lilien.
Kontakt
Prof. Jean-Jacques Panthier
Head of unit Mouse functional genetics, Institut Pasteur; Paris, France
+33 (0)1 45 68 85 55
+33 (0)1 45 68 86 34
Klick me
http://www.pasteur.fr/ip/easys...
Lebenslauf
Since 2005
Head of Mouse functional Genetics Unit at the Institut Pasteur (Paris) and Professor of Genetics at the Alfort School of Veterinary Medicine.
2001-2006
Professor of Genetics at the University of Paris 6.
1994- 2000
Professor of Genetics at the Alfort School of Veterinary Medicine.
1992-1994
Associated Professor of Molecular Biology at the Alfort School of Veterinary Medicine.
1985-1991
Research assistant and Assistant Professor at the Institut Pasteur.

