Fragen und AntwortenProf. Dr. Ernst Th. Rietschel

Wie sind Sie zur Infektionsforschung gekommen? Was fasziniert Sie an dem Fachgebiet?
Ursprünglich wurde mein Interesse an Infektionskrankheiten durch drei Bücher geweckt: Dr. med. Arrowsmith von Sinclair Lewis, Die Pest von Albert Camus und Mikrobenjäger von Paul de Kruif. Nach meinem Chemiestudium hatte ich das Glück, zu der Arbeitsgruppe von Otto Lüderitz am Max-Planck-Institut für Immunbiologie zu kommen, die von Otto Westphal geleitet wurde. Die "zwei Ottos" waren Pioniere der chemischen und biologischen Untersuchung von Endotoxinen, die als wichtige bakterielle Produkte bei schweren Mikroorganismeninfektionen galten, insbesondere bei der Blutvergiftung (Sepsis). Ich war von dem Gedanken fasziniert und beschäftige mich seit Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn mit den quantitativen Zusammenhängen zwischen Struktur und Funktion der Endotoxine sowie mit der Entwicklung klinisch anwendbarer Strategien, um solche bakteriellen Giftstoffe bei der Behandlung der Sepsis unschädlich zu machen. Die Sepsis ist noch heute ein wichtiges medizinisches Problem mit großer Häufigkeit und hoher Sterblichkeit. Erst in allerjüngster Zeit verstehen wir besser, welche Rolle das Endotoxin für die Anregung der angeborenen Immunantwort spielt und wie es damit unter physiologischen Bedingungen den Ausbruch einer Bakterieninfektion nicht in Gang setzt, sondern verhindert. Dieses biologische Doppelgesicht der Endotoxine ist auf molekularer Ebene noch nicht aufgeklärt.
Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Ich bin derzeit Präsident der Leibniz-Gesellschaft und arbeite an der Umsetzung ihrer strategischen Pläne. Außerdem arbeite ich am Evaluierungsbericht des internationalen Expertengremiums des sechsten europäischen Rahmenprogramms; ich bin der Vorsitzende dieses Gremiums.
Was war der wichtigste Augenblick Ihrer Karriere?
An einem Sonntagmorgen im Jahr 1968 lernte ich Otto Westphal in seinem Freiburger Institut kennen, und er bot mir an, unter seiner Leitung über bakterielle Endotoxine zu promovieren. Das war der wichtigste Augenblick meiner Laufbahn, denn damit begann meine wissenschaftliche Karriere, und ich lernte dort meine Frau Mireille kennen (die ebenfalls Biochemikerin ist).
Welches war Ihre wichtigste wissenschaftliche Entdeckung?
Das wichtigste Ziel unserer Arbeit bestand darin, die chemische Struktur des so genannten Lipid A aufzuklären, des biologisch aktiven Bestandteils im Endotixin. Im Jahr 1983 gelang es uns zusammen mit japanischen Kollegen, den komplexen chemischen Aufbau des Lipids A von Escherichia coli zu analysieren. Das war ein Durchbruch und eine höchst erfreuliche Zeit, denn nun war der Weg für die chemische Synthese des Lipids A frei. Ein weiterer Höhepunkt unserer Arbeit (zusammen mit Helmut Brade) war die weltweit erste Herstellung eines gegen Endotoxin gerichteten kreuzreaktiven und kreuzprotektiven monoklonalen Antikörpers.
Was treibt Sie an? Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?
In den ersten Jahren war mein Antrieb natürlich die reine Neugier und die Hoffnung, meine Befunde auf wichtige medizinische Probleme anwenden zu können. Später wurden meine großartigen Kolleginnen und Kollegen am Forschungszentrum Borstel zu einer wichtigen Anregung. Dort mutierte ich vom Wissenschaftler zum Wissenschaftsmanager. Jetzt motiviert mich jeden Tag die Frage, wie man optimale finanzielle, organisatorische und politische Rahmenbedingungen schafft, also ein "sorgenfreies" Umfeld, das die Entwicklung von Menschen und Ideen begünstigt und damit einer guten Forschungsarbeit dient (und manchmal sehe ich, dass ich mit meinen Bemühungen Erfolg habe).
Was hat Sie, Ihr Leben und damit auch die Wissenschaft beeinflusst und beeindruckt? Haben Sie Idole?
Stark beeinflusst wurde ich von meinen Eltern. Meine Mutter war eine ausgezeichnete Organistin, mein Vater war Arzt und interessierte sich sehr für die Wissenschaft. Außerdem halfen mir meine Lehrer Hartmut Bärninghausen (Röntgenstrukturanalyse), Otto Lüderitz, Otto Westphal und Dennis Watson (USA), meinen Weg in die internationale Welt der Wissenschaft zu finden.
Ich habe viele Idole. Drei davon sind der Chemiker Emil Fischer, der Komponist Arnold Schönberg und der Maler Wassily Kandinsky. Fischer schuf in der Chemie eine neue, bis dahin völlig unbekannte Welt, Schönberg schrieb Musik, wie man sie noch nie gehört hatte, und Kandinsky erfand eine Welt der Farben, die noch niemand gesehen hatte. In einem gewissen Sinn waren sie alle Wissenschaftler: Sie waren stets neugierig und ließen sich von Experimenten leiten - wobei sie die Grenze zwischen Bekanntem und Unbekanntem überschritten.
Welchen Rat geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?
• Folge deinen natürlichen Begabungen und Interessen.
• Suche dir einen hervorragenden Lehrer an einer hervorragenden wissenschaftlichen Einrichtung.
• Erlerne möglichst viele Methoden.
• Wechsle nach der Promotion deine wissenschaftliche Fragestellung.
• Wähle dir ein wichtiges (großes) Thema.
• Baue Netzwerke auf.
• Halte Kontakt zu Kollegen außerhalb deines eigenen Fachgebietes.
Was wäre für Sie die Alternative oder der Plan B gewesen, wenn es mit der Wissenschaft oder Ihrer Stelle nicht geklappt hätte?
Nach der Schule wollte ich entweder Konzertpianist oder Kinderarzt werden. Aber mein Vater - er war selbst Arzt - meinte, ich solle erst einmal etwas "Vernünftiges" lernen. Also habe ich Chemie studiert. Später gingen meine Fähigkeiten auf dem Klavier zum größten Teil verloren, weil ich nicht mehr genug üben konnte (und auch durch Behinderungen nach Skiunfällen). Ich hatte auch nicht die Energie, zusätzlich noch Medizin zu studieren. Ich habe mich aber in der Chemie immer wohl gefühlt, denn mit ihrer Hilfe konnte ich Fragen der Infektionskrankheiten und ihre Moleküle unter Strukturgesichtspunkten betrachten (was sich oft als sehr fruchtbar erweist).
Wie sehen Ihre Träume für die Zukunft aus?
Dass die Leibniz-Gesellschaft ihr Profil als europäische Wissenschaftsorganisation schneller weiterentwickelt, als es ihre strategische Planung vorsieht. Außerdem träume ich davon, zusammen mit meiner Frau die Galapagos-Inseln zu besuchen und die Zeit zu finden, mehr mit meiner Enkeltochter Alma zusammen zu sein. Ich möchte ihr die Schönheit von Wissenschaft und Musik nahe bringen und letztlich auch verstehen, warum Musik für mich so großartig und lebensnotwendig ist.
Welche Arbeiten halten Sie in Zukunft für wichtig?
In der Infektionsforschung: Die molekularen Mechanismen der angeborenen Immunität aufzuklären, damit wir sie kontrolliert verstärken oder abschwächen können.
Im Allgemeinen: eine europäische Forschungsregion, die diesen Namen wirklich verdient, zu schaffen und lebendig werden zu lassen und der europäischen Gesellschaft bewusst zu machen, wie lebensnotwendig der Wissenserwerb ist. Das heißt, es muss deutlich werden, welch grundlegende Bedeutung die Wissenschaft für Frieden, Freiheit, Kultur und Wirtschaft hat.
Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich lese Bücher über Leben und Werk von Komponisten und bemühe mich, ihre musikalischen Meisterwerke zu verstehen. Ich schreibe und halte Vorträge über die oftmals tödlichen Infektionskrankheiten berühmter Komponisten. Das ist eine Menge Arbeit!
Kontakt
Prof. Dr. Ernst Th. Rietschel
President of the Leibniz-Association, Berlin, Germany
++49 (0)30 20 60 49 41
+++49 (0)30 20 60 49 55
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Lebenslauf
Seit 2005: Präsident der Leibniz-Gesellschaft
1980–2005: Direktor am Forschungszentrum Borstel, Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften, und Professor für Immunchemie und Biochemische Mikrobiologie an der Universität Lübeck
1973–1979: Arbeitsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Immunobiologie, Freiburg
1971–1973: Postdoctoral Fellow, University of Minnesota, Minneapolis, USA
1969–1971: Dissertation über chemischen Aufbau und biologische Aktivität des bakteriellen Endotoxins, Max-Planck-Institut für Immunbiologie, Universität Freiburg
1968: Diplomarbeit über die Röntgenstrukturanalyse der Kristallstruktur von SrJ2
1961–1967: Chemiestudium in München und Freiburg

