Fragen und AntwortenProf. Dr. Thomas Rudel

Wie sind Sie zur Infektionsforschung gekommen? Was fasziniert Sie an dem Fachgebiet?
Während meiner Studienzeit in Tübingen nutzte ich meine Freizeit für ein Praktikum am Max-Planck-Institut. Einen oder zwei Monate zuvor hatte das Institut von Stan Falkow in Nature beschrieben, wie sie das Yersinia-Invasin identifizierten: Sie hatten Yersinia-Gene in nicht-invasiven E. coli-Zellen exprimiert und auf intrazelluläre Bakterien selektioniert. Das Praktikumsprojekt bestand darin, den Versuch aus dem Nature-Artikel zu reproduzieren! Und das Experiment klappte! Heutzutage klingt das wahrscheinlich nicht besonders spannend, aber damals war ich fasziniert von dem, was wir aus dem Versuch lernen konnten: Pathogene Bakterien besitzen Faktoren für spezifische Wechselwirkungen mit Wirtszellen! Heute, zwanzig Jahre später, finde ich diese komplexen Beziehungen zwischen Wirt und Krankheitserreger noch immer faszinierend.
Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Wir untersuchen den Mechanismus, mit dem bakterielle Krankheitserreger die Apoptose der Wirtszellen beeinflussen. Im Mittelpunkt stehen derzeit zwei wichtige Krankheitserreger: Neisseria und Chlamydia. Der eine setzt die Apoptose in Gang, der andere hemmt sie.
Welche wissenschaftlichen Wendepunkte haben Ihre Entscheidungen beeinflusst?
Viele zufällige Beobachtungen. Beispielsweise der Zufallsbefund, dass die Porine von Neisseria spezifisch mit Nucleotiden in Wechselwirkung treten. Das war für mich der Anlass, mich auf diese Proteinklasse zu konzentrieren und den unerwarteten Befund besser zu verstehen. Während meiner Postdoc-Zeit am Scripps Research Institute veranlasste mich eine andere zufällige Beobachtung, statt der Regulation des Cytoskeletts, lieber die Mechanismen der Apoptose zu untersuchen. Aus der Kombination dieser beiden Projekt entstand schließlich ein neues, fruchtbares Forschungsvorhaben, das noch heute den Mittelpunkt der Tätigkeit meiner Arbeitsgruppe bildet.
Gab es in Ihrer Karriere einen einzigen wichtigsten Augenblick?
Das Angebot, als Nachfolger von Werner Goebel den Lehrstuhl für Mikrobiologie in Würzburg zu übernehmen.
Welches war Ihre wichtigste wissenschaftliche Entdeckung?
Die Coevolution bakterieller Pathogenitätsfaktoren und der Apoptosemechanismen in den Wirtszellen; insbesondere die Erkenntnis, dass die Porine von Bakterien mit den Mitochondrien der Wirtszellen auf ganz ähnliche Weise kommunizieren wie ihre eukaryotischen Verwandten, die Porine der Mitochondrien.
Was treibt Sie an? Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?
Es ist für mich bis heute faszinierend, die unglaublich komplexen molekularen Mechanismen aufzuklären, die hinter der pathogenen Wirkung der Bakterien stehen, und sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Während meiner täglichen Arbeit macht es mir Spaß, Rohdaten und Konzepte mit meinen Mitarbeitern und Studenten zu erörtern und mich aktiv an der Forschung zu beteiligen. Auch das Unterrichten von Studenten bringt Spaß.
Was hat Sie und somit Ihre Wissenschaft beeindruckt und beeinflusst?
Die vielen begabten, ausgezeichneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die eine Zeit lang in unserer Gruppe tätig sind und mit Ideen und Leidenschaft zum Fortschritt unserer Forschung beitragen.
Ihre Idole?
Ich habe keine Idole. Ich schätze engagierte Menschen, die für eine bessere Welt gekämpft haben, wie Martin Luther King oder Mutter Theresa. Und ich bewundere Beethoven und Chopin, die so großartige Werke wie ihre Klaviersonaten geschaffen haben.
Welchen Rat geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?
Man kann Wissenschaft nicht als Job betreiben. Erfolg hat man nur, wenn man Leidenschaft mitbringt. Außerdem braucht man eine große Fragestellung, an der man arbeiten kann, und faire, erfahrene Mentoren, die eine junge Karriere fördern.
Was wäre Ihre Alternative oder der Plan B gewesen, wenn es mit der Wissenschaft nicht geklappt hätte?
Einen ernsthaften Plan B hatte ich nie. Wenn ich heute darüber nachdenke, war das wahrscheinlich ziemlich riskant angesichts der vielen Hürden und der großen Unsicherheit, die sich mit einer Wissenschaftlerlaufbahn verbinden.
Wie sehen Ihre Träume für die Zukunft aus?
Dass unsere Arbeit hilft, Infektionskrankheiten zu bekämpfen. Und dass ich eines Tages die Gelegenheit habe, an einem unkonventionellen Thema zu arbeiten, beispielsweise an der Frage, wie Bakterieninfektionen sich auf das Verhalten der Menschen auswirken.
Welche Arbeiten halten Sie in Zukunft für wichtig?
Die Lösung der Energie- und Umweltprobleme auf der Erde und die Bekämpfung von Infektionskrankheiten.
Was tun Sie in Ihrer Freizeit?
Ich bin viel bei meiner Familie. Ich habe drei lebhafte Töchter, und die schaffen es leicht, dass ich die Wissenschaft vergesse – jedenfalls für eine gewisse Zeit.
Kontakt
Prof. Dr. Thomas Rudel
Lehrstuhl für Mikrobiologie der Universität Würzburg
++49 (0)931 888 - 4401
++49 (0)931 888 - 4402
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Lebenslauf
Ich habe an der Universität Tübingen Biologie studiert. Diplom- und Doktorarbeit habe ich in der Arbeitsgruppe von Thomas Meyer am Tübinger Max-Planck-Institut geschrieben. Nach einer (zu) kurzen Postdoczeit unter kalifornischer Sonne (am Scripps Research Institute in San Diego) ging ich an das neu gegründete Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und baute dort eine eigene Arbeitsgruppe auf. Seit Februar 2008 habe ich den Lehrstuhl für Mikrobiologie an der Universität Würzburg inne.

