Fragen und AntwortenDr. Brigitta Stockinger

Wie sind Sie zur Infektionsforschung gekommen? Was fasziniert Sie an dem Fachgebiet?
Ich bin erst vor recht kurzer Zeit zur Infektionsforschung gekommen, nachdem wir die Differenzierungsfaktoren für die Entstehung von Th17 entdeckt hatten. Auf dieses Gebiet sind wir durch einen glücklichen Zufall geraten – ein wichtiger Faktor bei vielen Wendepunkten meiner Forscherlaufbahn. Zu jener Zeit beschäftigten wir uns mit der Homöostase der T-Zellen und den verschiedenen Reaktionswegen, die zur Kontrolle der Untergruppen und der Zahl von T-Zellen beitragen. Als wir die Wirkung regulatorischer T-Zellen auf das Cytokinprofil von Responder-T-Zellen untersuchten, stießen wir auf neu entstehende, IL17-produzierende T-Zellen; diese wuchsen in Cokulturen naiver und regulatorischer T-Zellen in Gegenwart eines Entzündungsreizes wie LPS.
Seither faszinieren mich Entzündungen und Infektionen. Besonders interessiere ich mich dabei für das komplexe Gleichgewicht und die ungeheuer fein abstimmbaren Wechselbeziehungen zwischen den Bestandteilen des angeborenen und des erworbenen Immunsystems.
Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Wir arbeiten an einem faszinierenden Zusammenhang zwischen Th17-getriebenen Immunantworten und ihren Wechselbeziehungen mit Umwelteinflüssen über den Arylkohlenwasserstoffrezeptor. Dieser Transkriptionsfaktor wird in Th17-T-Zellen exprimiert und reagiert auf Dioxine und andere Umweltgifte, aber auch auf ein breites Spektrum interessanterer endogener Faktoren.
Welche Wendepunkte in der Wissenschaft, ihrer Berufslaufbahn und Ihrem Leben haben Ihre Entscheidungen beeinflusst?
Nach der Schule habe ich in Mainz und München zunächst Kunst studiert, aber dabei war ich durch die geschwätzigen Konzepte und Bestrebungen der Kunstszene jener Zeit (Anfang der Siebzigerjahre) schon bald desillusioniert. In München hörte ich einige Vorlesungen im Institut für Humangenetik, und dabei fand ich insbesondere die genetisch bedingten Erkrankungen sehr spannend. Mit ihnen hätte ich mich im Rahmen eines Medizinstudiums genauer beschäftigen können, aber dafür reichten meine Schulnoten nicht aus, also begann ich in Mainz, Biologie zu studieren. Die Ausbildung war dort recht altmodisch; das Schwergewicht lag auf Zoologie und Botanik, und beides interessierte mich nicht besonders. Dafür machten mir aber die Vorlesungen in Genetik Spaß, und als ich während der Ferien im Zentrum für Bluttransfusionen arbeitete, faszinierte mich die Genetik der Blutgruppen. Durch einen Zufall konnte ich am Institut für Medizinische Mikrobiologie an einem Immunologiekurs für Medizinstudenten teilnehmen, und dabei fasste ich letztlich den Entschluss, Immunologie zu betreiben.
Was war der wichtigste Augenblick Ihrer Karriere?
Einen großen Einfluss auf meine Zukunft hatte nach meiner Einschätzung mein Zusammentreffen mit Liz Simpson, die ich nach einer Postdocstelle fragte. Dort erwachte meine Bewunderung für die britische Wissenschaft, die wesentlich weniger hierarchisch organisiert ist als in Deutschland, und Liz Simpson ist bis heute meine Freundin und Mentorin.
Prägend für meine weitere wissenschaftliche Laufbahn war auch, dass ich am Institut für Immunologie in Basel angenommen wurde; dort konnte ich meine Forschungsrichtung in völliger Freiheit wählen, eine Chance, die ich so schnell wahrscheinlich nirgendwo anders bekommen hätte.
Was treibt Sie an? Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?
Ich finde es spannend, komplizierte biologische Mechanismen zu analysieren und dabei ständig auf Überraschungen zu stoßen, vorausgesetzt, man bleibt stets aufgeschlossen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, immer Neues zu lernen - es ist mehr, als man tatsächlich schaffen kann; deshalb gibt es in der wissenschaftlichen Forschung kaum einmal Routine und Langeweile.
Was hat Sie, Ihr Leben und damit auch die Wissenschaft beeinflusst und beeindruckt?
Meine Eltern, die mir völlige Freiheit gelassen haben, meine eigenen Fehler zu machen, während sie mich auf dem ganzen Weg stets in aller Stille unterstützt haben. Mein Vater war in der medizinischen Wissenschaft tätig, aber er versuchte nie, mich in eine bestimmte Richtung zu drängen, und machte kein einziges Mal Anstalten, mich vom Kunststudium abzuhalten - obwohl er dazu sicher seine eigenen Gedanken hatte. Die Aufrichtigkeit meines Vaters in der häufig schwierigen Bildungspolitik, seine Liebe zu seinem Forschungsgebiet und die Art, wie er seine Studenten unterstützte, setzten für mich die Maßstäbe, die auch ich zu erreichen versuche.
Ihre Idole?
Habe ich eigentlich nicht. Das klingt mir zu sehr nach Prominentenkult.
Welchen Rat geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?
Eines würde ich allen jungen Wissenschaftlern zu Beginn mit auf den Weg geben: Trotz aller Hürden, Schwierigkeiten und Opfer zählen am Ende in Wirklichkeit nur Entschlossenheit und Überzeugung. Wer in der akademischen Wissenschaft wirklich Karriere machen will, der schafft es auch.
Was wäre für Sie die Alternative oder der Plan B gewesen, wenn es mit der Wissenschaft oder Ihrer Stelle nicht geklappt hätte?
Einen Plan B hatte ich eigentlich nicht, und ich war nie sehr gut darin, mein Leben auf lange Sicht vorauszuplanen. Ich weiß noch, wie ich gescholten wurde, weil ich nicht für die nächsten fünf Jahre nach meiner Postdoczeit vorausdenken mochte, aber ich hatte immer das Gefühl, dies würde meine Möglichkeiten und meine Begeisterung einschränken.
Wie sehen Ihre Träume für die Zukunft aus?
Das sage ich nicht, sonst gehen sie vielleicht nicht in Erfüllung.
Welche Arbeiten halten Sie in Zukunft für wichtig?
Ich halte es nicht für gut, eine bestimmte Tagesordnung unbedingt durchzusetzen. Zu viele Forschungsinstitutionen vergeuden Geld und Zeit für "Strategieplanung", obwohl es in Wirklichkeit darauf ankommt, innovative, risikofreudige, grundlegende Arbeiten zu finanzieren. Insbesondere bin ich fest überzeugt, dass die Grundlagenforschung trotz aller Bemühungen um die praktische Anwendung nicht beeinträchtigt werden darf, sonst werden wir irgendwann nichts mehr haben, was wir anwenden können.
Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Entspannende Dinge wie Gartenarbeit, Fotografie und Lesen (und zwar keine Fachveröffentlichungen).
Kontakt
Dr. Brigitta Stockinger
Group Leader, National Institute for Medical Research, Mill Hill, London, UK
++44 (0)208 816 2190
++44 (0)208 816 2248
Klick me
http://www.nimr.mrc.ac.uk/moli...
Lebenslauf
Ich habe am Institut für Medizinische Mikrobiologie in Mainz promoviert. Dann folgten Postdocs bei Liz Simpson am Clinical Center in Harrow und bei Bruce Roser in Brabraham, Cambridge.
Nach einem kurzen, einjährigen Postdoc bei Peter Krammer am DKFZ in Heidelberg ging ich 1985 an das Institut für Immunbiologie in Basel. Sechs Jahre blieb ich in diesem großartigen Umfeld; dort konnte ich in einer höchst kooperativen, anregenden Atmosphäre die völlige Selbstständigkeit erlangen.
Im Jahr 1991 ging ich an das National Institute for Medical Research (NIMR) in Mill Hill. Dort hatte ich Glück: Ich fand eine ganz ähnliche Arbeitsatmosphäre vor wie in Basel; auch hier lag das Schwergewicht auf Kooperation und fachübergreifender Zusammenarbeit.

