Poliomyelitis (Polio)

Dreidimensionale Struktur eines Poliovirus bei einer Auflösung von 2.9 Angstrom © Jean-Yves Sgro, Inst. for Mol. Virology, Wisconsin-Madison
Polio in Kürze
- Polio (auch „Kinderlähmung“) ist eine hochinfektiöse Viruserkrankung
- seit 1988 ist die Zahl der Poliofälle weltweit um 99 Prozent zurückgegangen
- Polio kommt heute nur noch in vier Ländern der Erde vor
- Polio soll – nach der Ausrottung der Pocken im Jahr 1980 – die nächste Infektionskrankheit sein, die von der Erde verschwindet
Polio im Einzelnen
Erreger
Polio wird durch ein sehr infektiöses Virus aus der Familie der Picornaviren übertragen. Das Virus gehört zur Gattung der Enteroviren. Es gibt drei Typen von Poliviren (Typ 1,Typ 2 und Typ 3), die sich in der molekularen Struktur bestimmter Kapsid-Proteine unterscheiden. Die Viruspartikel sind mit etwa 30 Nanometer im Durchmesser sehr klein. Picornaviren besitzen eine ikosaedrisches Nukleokapsid mit einem Einzelstrang-RNA-Genom und vier Kapsidproteinen (VP1-VP4).
Übertragung/Pathogenese
Polioviren gelangen über den Mund in den Körper und beginnen im Rachenepithel mit ihrer Vermehrung. Sie besiedeln dann den Darm, wo sie sich rasch ausbreiten. Die Erreger werden in großen Mengen im Stuhl ausgeschieden. Das erklärt, warum schlechte hygienische Verhältnisse die Verbreitung der Viren begünstigen. Der Mensch ist das alleinige Reservoir der Viren. Polioinfektionen kommen vor allem Kindern unter fünf Jahren vor.
Symptome
Die Inkubationszeit von Polio beträgt drei bis 35 Tage. Bis zu 95 Prozent aller Infizierten zeigen keinerlei Symptome. Die anderen leiden unter Fieber, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Erbrechen, Nackensteife, Rücken-oder Gliederschmerzen. Lähmungen treten nur dann auf, wenn das Virus Zellen des Nervensystems befällt. Weniger als ein Prozent der infizierten Personen entwickelt eine bleibende Lähmung der Gliedmaßen, für gewöhnlich der Beine. Fünf bis zehn Prozent dieser Patienten sterben aufgrund von Lähmungen der Atemmuskulatur.
Behandlung
Polio kann nur symptomatisch behandelt werden. Es gibt keine Therapie, die sich gegen die Viren selbst richtet.
Impfung
Es gibt zwei Polio-Impfstoffe: die Polio-Schluckimpfung (oral polio vaccine, OPV) und der inaktivierte Poliomyelitis-Impfstoff (inactivated polio vaccine, IPV), der gespritzt werden muss. Beide sind gegen alle drei Virustypen wirksam.
OPV ist das Mittel der Wahl im Zuge der weltweiten Bemühungen, Polio auszurotten. Der Impfstoff ist preiswert, muss nicht gespritzt werden und kann folglich auch von nicht-Medizinern verabreicht werden. Die Verwendung des OPVs birgt noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: da der Impfstoff eine lokale Immunantwort im Darm hervorruft, scheiden frisch geimpfte Personen den Impfvirus mit ihrem Stuhl aus. Das wiederum führt zu einer Passivimmunisierung der Personen im engen Umfeld des Impflings. Dieser „Nebeneffekt“ ist besonders in Gegenden mit mangelhaften sanitären Einrichtungen und folglich hoher Polio-Inzidenz sehr wünschenswert. OPV hilft so die Ausbreitung des Polio-Wildtyps rasch einzudämmen.
Durch die Gabe des IPV-Impfstoffs wiederum können äußerst seltene, im Zusammenhang mit der Schluckimpfung auftretende Lähmungen vermieden werden. Der Impfstoff kommt vor allem in Ländern zum Einsatz, die als Polio-frei gelten.
Die weltweite Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung (The Global Polio Eradication Initiative)
1988 wurde eine weltweite Initiative zur Ausrottung von Polio ins Leben gerufen, die „Global Polio Eradication Initiative“. Seitdem ist die Zahl der Poliofälle um 99 Prozent zurückgegangen. Heute sind noch vier Länder Polio-endemisch: Indien, Nigeria, Afghanistan und Pakistan.
Nigeria stellt dabei das größte Risiko für die Weltgesundheit dar. 2003 wurden die Impfprogramme beendet, nachdem Gerüchte über negative Auswirkungen der Impfung in Umlauf gekommen waren. Dies führte zu einer Polio-Epidemie in 12 afrikanischen Ländern. Zur Verbesserung der Impfaktivitäten rief der neue nigerianische Gesundheitsminister 2008 eine Task Force ins Leben. Doch nach Angaben der Global Polio Eradication Initiative ist die Durchimpfungsrate im Land noch immer schlecht: über 60 Prozent der Kinder haben keinen vollen Impfschutz.
Die WHO-Region Amerika wurde 1994 als poliofrei deklariert. Die Westpazifik-Region folgte im Jahr 2000 und die Region Europa 2002.
Inzidenz und Sterblichkeit
Bis November 2008 wurden insgesamt 1473 Polio-Fälle aus 16 Ländern gemeldet, die auf Polioviren vom Wildtyp zurückgehen. 93 Prozent der Fälle wurden in den vier Polio-Endemie-Gebieten registriert, die anderen in Ländern, in die das Virus importiert worden ist. Nach Angaben der WHO wurden zwischen 2003 und 2005 25 vorher polio-freie Länder durch Import der Viren re-infiziert. So lange es einen einzigen Fall von Polio in der Welt gibt, müssen daher alle Länder ihre nationalen Impfprogramme aufrecht erhalten.
Gut zu wissen:
Dank der Global Polio Eradication Initiative können heute fünf Millionen Menschen laufen, die ansonsten durch das Poliovirus gelähmt worden wären.
Mehr Informationen
- WHO zur Poliomyelitis: www.who.int/topics/poliomyelitis/en/
- The Polio Eradication Initiative: www.polioeradication.org/
Literatur
- WHO.Merkblatt zur Poliomyelitis: www.who.int/mediacentre/factsheets/fs114/en/index.html
- The Polio Eradication Initiative: www.polioeradication.org/
- Robert Koch Institut: www.rki.de/cln_100/nn_494686/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter Ratgeber__Mbl__Poliomyelitis.html#doc200738bodyText9
- Centers for Disease Control and Prevention: www.cdc.gov/polio/
- Molekulare Virologie, Susanne Modrow, Dietrich Falke, Spektrum Akademischer Verlag GmbH Heidelberg, 1997

