Perspectives
Summary
Infektionskrankheiten sind allgegenwärtig. Vom Beginn der Menschheit bis zu unserem fortwährenden Kampf mit Infektionen in der modernen Welt haben Infektionen frühen Tod, Schwächung und Kummer herbeigeführt, die als Themen für alle Arten von Kunst dienten.
Die Verbindungen sind nicht immer leicht zu finden. Die Einflüsse großer Pandemien wie Pest und Tuberkulose sind in der Kunst jener Zeit allerdings deutlich sichtbar. Nach der Verwüstung Europas durch die Pestepidemie im Jahr 1347 entwickelten die Menschen eine neue Beziehung zum Tod: Angst, Dunkelheit und sogar Sarkasmus durchsetzt die vielen Gemälde zu diesem Thema über mehrere Generationen.
Die Tuberkulose des 18. und 19. Jahrhundert in Europa wurde weniger als Terror gesehen. Ihr wurde eine Reinigung des Geistes und Förderung der Kreativität zugesprochen - so wurde sie von einem Sinn für Schönheit und Melancholie begleitet, der sowohl hohe Literatur als auch bildende Kunst beherrschte.
25 October 2009 Dr. Kristen Kerksiek
Die Kunst der Infektion

Pablo Picasso schrieb einmal: "Malerei ist nur eine andere Art, ein Tagebuch zu führen." Künstler finden ihre Anregungen häufig im Alltagsleben, und da Infektionskrankheiten treue, anhängliche Begleiter der Menschheit waren, kann man vermutlich mit Sicherheit davon ausgehen, dass die meisten Künstler irgendwann einmal eine Infektionskrankheit durchmachten - und von ihr beeinflusst wurden. Aber angesichts der tiefsinnigen, rätselhaften Denkweise der Künstler fällt es häufig schwer, solche Einflüsse in ihren Werken "wiederzufinden"; diese Aufgabe überlässt man am besten den Kunsthistorikern und ihren endlosen Diskussionen. Es gibt aber durchaus Krankheiten, die in der Gesellschaft Fuß gefasst haben und eindeutig alle Facetten des menschlichen Lebens betreffen - auch den künstlerischen Ausdruck.
Pest und Tuberkulose sind fast so unterschiedlich, wie zwei Krankheiten überhaupt sein können, und zwischen ihren Epidemien lag mehr als ein Jahrhundert. Dennoch hinterließen beide bei Generationen von Europäern besonders tiefe Spuren, und beide hatten in den Regionen, in denen sie wüteten, ungeheuren Einfluss auf die Kunst.
Totentanz
"Oh Tod! Grausamer, bitterer, unbarmherziger Tod! Der du brichst die Bande der Zuneigung, der du Vater und Mutter trennst, Bruder und Schwester, Sohn und Weib. Klagend über unser Schicksal, fürchteten wir uns zu fliehen, und doch wagten wir nicht zu bleiben." Gabriele de Musi, Bericht über die Pest, 1347
Nach der recht elenden Zeit des frühen Mittelalters besserten sich die Aussichten für die Europäer. Ein mildes Klima begünstigte die Ausbreitung der Landwirtschaft, die Nahrungsversorgung war üppig, die Bevölkerung wuchs dramatisch an, und immer mehr Menschen zogen in die Städte. Während einer kleinen Renaissance, die Ende des 11. Jahrhunderts begann, wurden Universitäten gegründet. Unterstützt von der mächtigen katholischen Kirche, kehrten Wissenschaft, Philosophie und Literatur nach Europa zurück. Das Christentum wurde in der Kunst gefeiert, und den Tod malte man sich als Übergang vom irdischen Leben zur Erlösung aus.
Der Schwarze Tod
Symptome: Beulen (Schwellungen der Lymphknoten in den Achselhöhlen, am Hals und in der Leistensgegend), hohes Fieber, schneller Tod; begleitend oder nachfolgend Flecken auf der Haut, Atemnot, Bluterbrechen, Gliederschmerzen, Husten, Auflösung der Haut und entsetzliche Schmerzen.
Erreger: Wird gewöhnlich auf Yersinia pestis zurückgeführt, den Erreger der Beulenpest; nach Ansicht mancher Experten handelte es sich auch um ein von Viren verursachtes hämorrhagisches Fieber oder um eine Kombination mehrerer Pandemien (weitere Informationen unter en.wikipedia.org/wiki/Causes_of_the_Black_Death)

Die Euphorie war nicht von langer Dauer. Das 14. Jahrhundert begann schlecht: Das Klima kühlte sich ab, heftiger Regen zerstörte die Getreideernte, und die nachfolgende Hungersnot kostete Millionen das Leben. Dann kam der "Schwarze Tod" - die Pest. Ein Schiff mit Genueser Kaufleuten brachte sie im Oktober 1347 nach Sizilien, und im Laufe der nächsten vier Jahre wütete sie in ganz Europa. Nach Schätzungen kamen 50 Prozent der Bevölkerung ums Leben. Die Krankheit tötete unterschiedslos Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Sie löschte Familien aus und leerte ganze Dörfer. Dann ließ sie nach. Aber weitere Wellen der Seuche suchten den Kontinent bis weit ins 17. Jahrhundert hinein heim.
Der Schwarze Tod brachte auch so manchen begabten Künstler ins Grab. Die Überlebenden quälten sich verständlicherweise mit allem, was sie gesehen und erlebt hatten, und das drückten sie in ihren Werken aus. Die religiöse Malerei setzte sich fort; obwohl der Glaube allgemein verloren ging, waren viele wohlhabende Menschen erpicht darauf, religiöse Werke zu finanzieren - sie hofften, dies werde sie vor zukünftigen Pestinfektionen bewahren. Aber die Religion stand in keinem hohen Ansehen mehr; die vom Schwarzen Tod verursachten Verheerungen kosteten die "allmächtige" Kirche einen großen Teil ihrer Glaubwürdigkeit, und in den folgenden Jahren machten sich Schwermut, Angst und sogar Sarkasmus in den Werken vieler Schriftsteller und Maler breit.

Dass der Tod im 14. Jahrhundert zu einem wichtigen Gegenstand künstlerischer Arbeit wurde, ist nicht verwunderlich: Totenbett, Begegnung mit dem Tod, der triumphierende Tod, Totentanz. Letzterer, auf Französisch Danse Macabre und auf Englisch Dance of Death genannt, wurde vermutlich zunächst aufgeführt, später poetisch verklärt und schließlich gemalt. Im 15. Jahrhundert war er überall in Europa auf den Kirchenwänden zu finden. Bei seinem Tanz führt der Tod (in Gestalt eines Skeletts oder einer Leiche) Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen - Papst, König, Einsiedler, Kind - zum Grab. Die Pest hatte eine eindeutige Erkenntnis gebracht: Der Tod kennt keine Vorurteile. Und an die Stelle des Entsetzens, das die Pest und ihre verheerenden Folgen anfangs begleitet hatte, war anscheinend die nüchterne Einsicht getreten, dass der Tod unvermeidlich ist. Irgendwann verlor die Beulenpest in Europa zwar an Boden, das Thema des Totentanzes wurde aber in jeder Generation wieder aufgegriffen; Krankheitsepidemien wie Cholera und Grippe, aber auch Kriege und andere Krisen erinnern uns ständig daran, dass vor dem Tod alle gleich sind.
Eine Ode an den Tod
Sie lebt mit Schönheit - Schönheit, die bald stirbt;
Mit Freude, deren Kusshand ewig winkt
Und sagt Adieu - und Wonnen nah verdirbt,
Schon Gift wird, da der Bienenmund noch trinkt
John Keats, "Ode auf die Melancholie", 1884

Melancholie. Die tragische Schönheit. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, der Zeit der Vorromantik und Romantik, definierten sich europäische Literatur und bildende Kunst über solche Qualitäten. Die Triebkraft, die dahinter stand, war die Tuberkulose. Diese schmerzhaft langsam verlaufende, tödliche Krankheit kostete mehr junge Erwachsenen das Leben als jede andere Ursache, und viele weitere wurden in ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit ruiniert. Tuberkulose hatte jeder schon einmal gesehen oder am eigenen Leib erlebt, und über Generationen hinweg veränderte sie die Vorstellung von einem normalen Leben.
Viele Dichter und Schriftsteller, unter ihnen auch Keats selbst, waren mit der Krankheit infiziert. Man glaubte, der Körper schwinde langsam dahin, und die "Schwindsucht" wurde zur Anregung für den Geist. Alexandre Dumas schrieb in seinen Memoiren: "Es war Mode, an der Lunge zu leiden; alle, insbesondere aber die Dichter, waren schwindsüchtig; es gehörte zum guten Ton, nach jeder Empfindung, die nur im geringsten sinnlich war, Blut zu spucken und mit noch nicht einmal 30 Jahren zu sterben." Auch in der Dichtung war die Tuberkulose ein weit verbreitetes Thema - schwindsüchtige, blasse Heldinnen, die in jungen Jahren starben, und empfindsame Kinder, die aus dem Dasein dahinschwanden. Thomas Mann ließ sich von einem Sanatoriumsaufenthalt seiner Frau in Davos inspirieren und wählte eine Schweizer Lungenklinik als Schauplatz für seinen berühmten Roman Der Zauberberg, in dem fast alle Gestalten Tuberkulose haben.

Unter den Malern litten nur relativ wenige an Tuberkulose, aber die Weiße Pest wurde dennoch in jener Zeit auch zum Thema von Bildern. Künstler der Präraffealitenbewegung wie Dante Gabriel Rossetti und John Everett Millais bevorzugten hübsche junge Modelle mit blassem, traurig-erschöpftem Gesichtsausdruck. Das Ideal der matten, empfindlichen Weiblichkeit verbreitete sich so weit, dass man weißen Puder anstelle des Rouge verwendete und Frauen bemüht waren, sich durch Verzehr von Sand und Trinken von Essig den Appetit zu verderben.
Aber nicht alle hatten zur Tuberkulose eine romantische Einstellung; der symbolistische Maler Edvard Munch verlor durch die Krankheit seine Mutter, seinen Bruder und seine Geliebte ältere Schwester Sophie; seine Trauer drückt sich in seinen Gemälden aus, in denen er sich häufig mit Tod und Niedergeschlagenheit beschäftigte.
Schließlich bemerkten auch die Schriftsteller, dass die Tuberkulose alles andere als romantisch ist. Während der nachfolgenden Industriellen Revolution verbreitete sich die Krankheit noch weiter, und insbesondere bei der Arbeiterklasse war sie Gegenstand von Angst und Leiden. Die romantische Aura, von der die Tuberkulose in der Literatur umgeben war, verflüchtigte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Der ewige Tod

Die Pest- und Tuberkuloseepidemien hinterließen auf Generationen hinaus einen tiefen Eindruck und hatten insbesondere auf die Kunst ihrer Zeit unübersehbare Auswirkungen. Zwischen Kunst und Infektionskrankheiten besteht aber noch eine viel tiefere Verbindung. Die Kunst zeigt, wie man Krankheiten in früheren Zeiten behandelte. Sie macht kritische Aussagen. Sie wurde genutzt, um die Öffentlichkeit zu informieren und Vorbeugungsmaßnahmen zu fördern. Trotz aller unserer Bemühungen deutet nichts darauf hin, dass Infektionskrankheiten die Menschheit in Frieden lassen würden, und die Kunst wird auch weiterhin unserem Leiden Ausdruck verleihen, aber auch unserer Hartnäckigkeit im Kampf gegen unsere uralten Feinde.
Quellen und weiterführende Litearatur:
Weitere Informationen über den Isenheimer Altar: "A Masterpiece Born of Saint Anthony's Fire" www.stanleymeisler.com/smithsonian/smithsonian-1999-09-grunewald.html
Weitere Bilder vom Altar: http://experimentalthaology.blogspot.com/2008/04/ugly-part-5-isenheim-altarpiece.html
Pest
Byrne, Joseph Patrick. (2004) The Black Death. Greenwood Publishing Group.Buchvorschau unter http://books.google.com
* Ein interessanter Blick auf die Pest im Mittelalter, über die immer noch andauernde Kontroverse zum Erreger des Schwarzen Todes und über die Auswirkungen der Seuche auf Gesellschaft und Kunst.
Die gesellschaftlichen, psychologischen und körperlichen Auswirkungen der Pest beschreibt der italienische Autor Giovanni Boccaccio sehr anschaulich in seinem Dekamerone (das vermutlich zwischen 1350 und 1353 geschrieben wurde). http://www.brown.edu/Departments/Italian_Studies/dweb/themes/plague/morte.shtml
Informationen über den Totentanz und andere mit dem Tod zusammenhängende Themen in Europa:
http://www.lamortdanslart.com/main.htm
Der Totentanz unter besonderer Berücksichtigung der Gemälde von Notke in Lübeck und Tallinn sowie der Holzschnitte von Holbein: http://www.dodedans.com/Eindex.htm
Tuberkulose:
Dubos, Rene und Jean. (1987) The White Plague: Tuberculosis, Man and Society. Piscataway, New Jersey: Rutgers University Press. Buchvorschau unter http://books.google.com
* Besonders interessant: Consumption and the Romantic Age (Kapitel 5, S. 44)
Chalke, H.D. The Impact of Tuberculosis on History, Literature and Art. Med. Hist. (1962) 6: 301–318. pdf unter: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1034755/
* Eine umfassende - allerdings etwas trockene - Beschreibung des Einflusses, dden die Tuberkulose in der gesamten geschichte (und nicht nur im 18. und 19. Jahrhundert) auf die Kunst ausübte.
Eine Liste weiterer Erwähnungen der Tuberkulose in Literatur und anderen Kunstformen findet sich unter:
http://en.wikipedia.org/wiki/Tuberculosis_in_popular_culture
AIDS:
Die Website Visual Aids dient der Unterstützung von Künstlern, die sich mit AIDS beschäftigen, und soll das Bewusstsein für die Krankheit stärken: http://www.thebody.com/visualaids/web_gallery/index.html

